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DIE GESELLSCHAFTSRÄUME DES DAMPFERS„PRINZ FRIEDRICH WILHELM"
MARGARETE VON BRAUCHITSCH « GESTICKTE WANDFÜLLUNG (vgl. s. 82)
mechanische Folge, dazu bedurfte es großer
Einsicht,starken Vertrauens undklarerEnergie.
Als der „Norddeutsche Lloyd", auf die Initiative
seines Generaldirektors Dr. Wiegand
hin, an die moderne Bewegung der Innenarchitektur
herantrat, wurde Ernst gemacht
mit der Ueberlegung, daß ein Dampfer nicht
zu behandeln sei wie ein Hotel. Er hat krumme
Decken und gebauchte, schief aneinanderstoßende
Wände, und kein einziges Stück ist
im Winkel. Den Architekten sind die Hände
etwas gebunden, das Kommandieren haben
die Ingenieure. Dagegen hilft kein Vertuschen
der struktiven Elemente, man ist nie sicher,
daß dann, im konventionellen Stil, nicht plötzlich
irgendwo eine tote Fläche herauskommt,
irgendwo ein Spiegel über einem Kamin rettungslos
verdreht steht und eine Lampe in
einem sonst fürs Auge vollkommen „richtigen"
Zimmer völlig schief hängt. Die Konsequenzen
aus diesen Erwägungen und Erfahrungen
waren die, daß man statt der gewohnten Dinge
Neues schaffen, sich den Schwierigkeiten in
die Arme werfen und den Sachstil an der Hand
der technischen Bedingungen finden mußte.
Dies hat der Norddeutsche Lloyd getan, und
darum sind nun seine Schiffe die besten und
modernsten der Welt.
Der Augenblick, in dem er das neue Kunstgewerbe
heranzog, war indessen kritisch. Eben
hatte es, auf der Dresdner Ausstellung von 1906,
seinen ersten unbestrittenen Sieg erfochten.
Trotz mancher Verfehlungen und vieler Experimente
wußte man doch : dies hier ist keine
Künstler 1 a u n e sondern eine
soziale Notwendigkeit, der man
sich auf die Dauer nicht entziehen
kann. Nun hieß es aber,
das wirklich Zukunftsfähige und
qualitativ Beste unter der Menge
des Angebots herauszufinden!
Der Lloyd veranstaltete auf der
„Kronprinzessin Cecilie" schon
1907 eine Konkurrenz unter den
zehn besten Innenarchitekten
für eine Anzahl von Luxuskabinen
. Die Leistungen sind damals
hier teilweise publiziert
worden; als Sieger aus diesem
Wettstreit ging unzweifelhaft
Professor Bruno Paul hervor.
Sein bedächtiger, halb ingenieurhafter
Sinn, seine produktive Begabung
als Architekt einerseits,
sein Gefühl für Farbe anderseits
, und nicht zuletzt sein inniges
Verflochtensein mit dem
Handwerk haben ihm den hervorragendsten
Platz gesichert. So wie er und die
Münchner „Vereinigten Werkstätten für Kunst
im Handwerk" (mit ihrer Bremer Filiale) zusammenarbeiten
, so hat wohl keiner im ganzen
Jungdeutschland je mit dem Handwerk und der
Fabrikation zusammengeschaffen. Daher die
Selbstverständlichkeit seiner Wirkungen, das
zwingend Einleuchtende seiner Ideen, die zunächst
nicht auffallen und nicht bestechen.
Weil nichts rein auf dem Papier entstanden
ist, sondern alles mit dem Gedanken an Eisenschlosser
und Möbeltischler, ist nicht nur fachmännisch
alles so, wie es sein muß, sondern
ästhetisch muß es nun einmal so und gerade
so sein, wie es ist, — nicht irgend eine von
vielen möglichen Lösungen wurde gefunden,
sondern die eine beste. Dies alles wäre nicht
möglich gewesen, wenn nicht ein äußerst entwickeltes
Handwerk zur Seite stand. Die Aufgaben
waren so neu, daß man den großen
Anforderungen nicht hätte genügen können,
wenn nicht die Prinzipien schon eingewurzelt
waren. In einer fast zehnjährigen Tätigkeit
hatten sich die „Vereinigten Werkstätten" organisiert
und ihre Leistungsfähigkeit gesteigert
. Künstler und Handwerker haben sich
ineinander eingespielt, der Ausgleich zwischen
Großbetrieb und individueller Arbeit ist erreicht
. Wenn man heute durch die Tischlerräume
der „Werkstätten" geht und einen Arbeiter
, der einen Schreibtisch poliert, fragt,
wer das Stück bekommen werde, dann erhält
man tatsächlich Auskunft. Dieser kleine Zug
ist bezeichnend. Vor zehn Jahren war es
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