Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 20. Band.1909
Seite: 60
(PDF, 147 MB)
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DIE GESELLSCHAFTSRÄUME DES DAMPFERS „PRINZ FRIEDRICH WILHELM"

BRUNO PAUL« BÜCHERSCHRANK IM GESELLSCHAFTSSALON
; PALISANDER MIT GESCHNITZTEN FÜLLUNGEN
AUS ROSENHOLZ (vgl. seite 69)

verdeckt; es ist sichtbar, aber man empfindet
es nicht als rohes Material, weil es eingefügt
ist in ein Liniennetz von dekorativer
Bedeutung. Schränke u. dergl. sind immer
so eingebaut, daß sie einen ohnehin toten
Punkt zwischen Fenstern oder Stützen ausfüllen
; so bilden sie einen festen Bestandteil
und wirken nicht als Stehimwege, um die
man herumgehen muß. Die eisernen Träger
sind nicht als Säulen ausstaffiert, sondern so
dünn belassen, wie sie die Konstruktion vorschreibt
, nur mit einer ganz dünnen Verschalung
belegt. Und bei der knappen Haltung
des Ensembles wirken sie auch gar nicht mager,
sondern leicht und elegant. — Aus solchen
Elementen von Vereinfachung und Klärung
bauen sich die Wirkungen dieser Räume zusammen
. Viel tut dabei der Verstand, probierend
, rechnend, erfindend, und vielleicht
erst in zweiter Linie arbeiten die irrationalen
Größen, wie Proportionsgefühl, mit. Die Tugend
besteht darin, keine Laster zu haben.

Aber wenn auch so alles praktisch und tüchtig
ist — damit ist noch nichts über tätige Schönheit
gesagt. Es fragt sich: „Sind diese Räume
nun auch schön?"

Mathematiker und Physiker haben ausgerechnet
, daß die Umrißlinie der Kuppel von
St. Peter in Rom, vielleicht die schönste Linie
der Welt, sich deckt mit der graphischen Kurve
der an dieser Stelle größten Tragkraft und
Widerstandsfähigkeit. Das führt in die moderne
Streitfrage hinein, ob das, was sachlich vollkommen
ist, zugleich auch schön sein müsse.
Ich glaube es nicht. Aber es ist unbestreitbar
, daß dieser Faktor der technischen Vollkommenheit
einmal ein Hauptträger von sinnlicher
Schönheit sein kann. In der Anwendung
seines Schiffs-Architekturstils hat Bruno
Paul rein aus der Sache heraus nur mit dem
gegebenen Material an Holz und Stoff Reize
von einer dekorativen Feinheit erzielt, die
sinnliches Vergnügen wirkt. Man muß hierzu
einmal bedenken, aus wie viel Motiven sich
sein Ornamentenschatz zusammensetzt. Viele
sind es nicht. Aber Ornament und Dekoratives
sind ja absolut unabhängig voneinander,
Ornament ist ja eine Zutat wie ein Schmuck
bei einem Gewände. Es kommt nur darauf
an, daß es glücklich verwendet wird, und daß
an wichtigen Stellen seine Funktion lebendig
wird. Gotik, nicht Renaissance, um historisch
zu vergleichen. Aber was zwischen den Ornamenten
liegt, ist für das Dekorative das wichtigste
. Durch die Zusammenfügung gemaserter
und geflammter Holzflächen, heller und
dunkler, glänzender und matter Hölzer, schafft
Bruno Paul, fast ganz ohne Ornament, nur
mit geometrischer Einfassungslinie oder ak-
zentuierendergeometrischer Intarsia, „Muster"
von nie versagendem Reiz. Wesentlich dabei
ist natürlich die Farbe, ja sie ist oft Hauptträger
der Stimmung eines ganzen Raumes.
Bisher war Bruno Paul in seinen Harmonien
zurückhaltend und diskret im Ton, dabei nuancenreich
. Jetzt setzt er starke Farben häufiger
gegeneinander und wird dadurch volltönender
im Ausdruck.

Wenn ich nun auf das Objekt der vorliegenden
Publikation im einzelnen eingehe, so
ist voraus zu bemerken, daß hier natürlich
das Wesentliche die Abbildungen sagen müssen,
das Wort kann nur ergänzend eintreten.

Die Gesamthaltung des Speisesaals wirkt,
wenn die Tische gedeckt sind, hell und festlich.
Die Wände sind weiß lackiert, die Decken
unter den Galerien ebenfalls, die Gliederungen
werden aus leichten Rahmen gebildet; Kanten
sind Perlstäbe und die Füllungen flache
Schnitzerei mit geometrischem und Ranken-

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