Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 20. Band.1909
Seite: 102
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h. distel und a. grubitz hamburg haus eger: blumennische der diele

DAS NEUE OPERNHAUS IN BERLIN

Cs gab einmal eine Zeit, da baute ein gewisser

Schlüter in Berlin das Königliche Schloß.

Dieser selben Stadt schenkte, nachdem Knobels-
dorff das Opernhaus,Langhans das Brandenburger
Tor errichtet hatten, Schinkel die drei bedeutsamen
Bauwerke: die Wache, das Schauspielhaus, das Museum
. (Man kommt bei Schinkel nicht mit dem
Hinweis auf die Antike aus. Das Rein-Architektonische
zog ihn hier an. Er spürte Wesensverwandtschaft
in diesen ernsten, reinen Formen. Das Geradlinige,
Strenge, Nüchterne erhielt hier neue Bedeutung, die
zu dem Wesen des Märkischen vorzüglich paßte.)

Sollte solche Vergangenheit nicht verpflichten?

Nichts ist bedauerlicher, als wenn ein Herrscher
den Zusammenhang mit dem Kulturempfinden seines
Volkes verloren hat. Dem unkontrollierbaren Treiben
streberhafter Talente ist dann Tür und Tor geöffnet.
Ein typisches Beispiel hierfür bietet wieder der geplante
Neubau des Opernhauses.

Berlin, das so viele neue Aufgaben zu erfüllen
hat, das die Mittel hat, großzügige Pläne zu unterstützen
, das bevorzugt ist, da es keine störende,
lastende Vergangenheit besitzt, Berlin, auf das sich
jetzt die Blicke all derer richten, die in der modernen
Architektur, in der Raumkunst eine Entwicklung
erwarten, Berlin versagt wieder einmal vollkommen
. Man kann die Bedeutung solchen Gemeinwesens
, die Verpflichtung solcher Großstadt
in kultureller Beziehung noch so eindringlich vordozieren
, es bleibt Alles beim Alten, und die Ver-
häßlichung des modernen Berlins, das über so viele
Kräfte verfügt, das Aufgaben unerhörter Art stellen
kann, schreitet wie eine ansteckende Krankheit fort.

Der Dom ist ein greuliches Denkmal imposanten
Phrasentums. Bedrohlich wächst die Bibliothek von
Ihne in nächster Nähe in die Höhe, ebenso nichtssagend
wie kolossalisch und von unerhörter Langweiligkeit
. Von dem Kaiser Friedrich-Museum ganz
zu schweigen.

Je seltener also solch eine Gelegenheit, einer
großen Aufgabe Form zu geben, wie sie in der Gestaltung
von Museen oder anderen staatlichen Gebäuden
sich bietet, um so vorsichtiger sollte man bei
der Wahl des Künstlers vorgehen, dem diese Aufgabe
übertragen wird. Und auch der Künstler sollte
sich eindringlich fragen, ob er fähig ist, diese Aufgabe
zu übernehmen, ob er ein Organ hat für Gemeinsamkeitsgefühle
, oder ob er nur ein Sammelsurium
überkommener Kunstvorstellungen zu bieten
imstande ist. Ein Rücktritt, ein Verzicht würde ihn
mehr ehren, als ein gedankenloses Uebernehmen.
Ist solch Selbstverantwortungsgefühl unmöglich?

Haben wir in Berlin etwa einen Ueberfluß an
guten Bauten, daß es auf eine schlechte Architektur
mehr oder weniger nicht ankommt? Empfindlichen
Mangel leiden wir daran. Man spricht bei diesem
Neubau des Opernhauses von 15 Millionen. Die umfassendsten
Bauwerke der Neuzeit, die wir besitzen,
haben nicht annähernd so viel gekostet.

Müssen da nicht alle die, denen das öffentliche
Wohl am Herzen liegt, aufstehen und darüberwachen
daß nur dem Würdigsten dieser Auftrag zuteil wird?
Unsinn! Nichts wird geschehen. Das Gebäude
wird eines Tages dastehen, und dem Kunstfreund
wird nur die einzige Sehnsucht bleiben : wann werden
diese Gebäude verschwinden? Dabei macht sich

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