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WALTER CASPARI-MÜNCHEN « TITEL-ZEICHNUNG EINES LEINENBUCHES (VERLAG HANS VON WEBER, MÜNCHEN)
DAS NEUE DEUTSCHE BILDERBUCH
Von Ernst Schur
Die Kunst des Kinderbuches hängt aufs
innigste zusammen mit der Entwicklung
der Graphik, der es sich eingliedert. Wie
unsere Anschauungen hier wesentlich andere
geworden sind, so verlangen wir auch vom
Bilderbuch etwas anderes, als was unsere
Väter verlangten. Und man kann sagen, daß,
während das alte Kinderbuch mehr auf das
Inhaltliche, Literarische ausging und den
Schmuck, die Erscheinung vernachlässigte,
wir jetzt die künstlerisch-bildliche Ausstattung
vor allem bedenken. Daß dabei der
Inhalt nicht zu kurz kommen soll, ist selbstverständlich
. Die Kunst will ihm nur den
schönen Rahmen geben. Das moderne Bilderbuch
ist ja gerade aus dem Bestreben geboren,
dem Kinde zu geben, was des Kindes ist.
Eine ganze Reihe moderner Dichter ist am
Werke, neue Verse, Fabeln und Märchen für
das Kind zu erfinden. Man fragt heute viel
kritischer, was das Kind braucht, was es
sucht und will, und scheidet manches aus,
was früher ungesehen passierte. Zudem liegt
genügendes Material vor in den alten Märchen
, Schwänken und Sagen, an denen das
Volk dichtete, die entstanden sind, ohne daß
festzustellen ist, wer daran feilte. Sie stellen
sich dar als ein Extrakt der Volksphantasie.
Generationen haben daran gearbeitet: immer
wurde der Inhalt durchgesiebt, bis etwas
herauskam, dessen Inhalt klassisch feststand.
Mündliche Ueberlieferung ging lange der
schriftlichen Fixierung voraus, und meist bewahrte
diese gerade noch den Stoff vor dem
endgültigen Vergessen. Wohl jeder wird sich
noch des Augenblicks entsinnen, wo er den
ersten Blick in diese Welt tat, die Welt der
sieben Raben, der Melusine, Till Eulenspiegels
und Münchhausens. Ein ganz neues Leben
tat sich auf. Das Auge weitete sich vor Erstaunen
. Und gebannt lauschte das Ohr den
fremden, phantastischen Erzählungen, die doch
so vertraut klangen und die Phantasie weit
fortführten. Das ist das Entscheidende: die
Anregung, die der Phantasie gegeben wurde,
daß der kindliche Sinn in dieser Welt, die
für ihn besonders geschaffen schien, lebte
und mitschuf und mit diesen Menschen ihre
Schicksale und Prüfungen und Lustigkeiten
miterlebte. Das macht das Kind nicht lebensuntauglich
. Im Gegenteil, es legt den Grund
zu einer tieferen, instinktiven Lebenserfassung
. Denn diesen Erzählungen liegen Weltanschauungen
und Lebensgefühle zugrunde.
Etappen der Volksentwicklung sind hier festgehalten
, im kleinen sehen wir ein Abbild
des Lebens, und speziell in den mehr volkstümlich
gehaltenen Schwänken und Märchen
macht sich eine realistische Lebensauffassung,
ein Gefühl für Recht und Unrecht, ein Sinn
für urwüchsige Kraft und Wahrheit geltend,
die in seiner unaufdringlichen Art bestimmender
wirken, als die sentimentalen Ergüsse
mancher Jugendschriftsteller, die mit ihrer
aufdringlichen Lehrhaftigkeit und ihrer unangenehmen
Moralsucht das Kind nur lang-
Dekorative Kunst. XII. 3. Dezember 1908.
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