Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 20. Band.1909
Seite: 106
(PDF, 147 MB)
Startseite des Bandes
Zugehörige Bände
Varia

  (z. B.: IV, 145, xii)



Lizenz: Public Domain Mark 1.0
Zur ersten Seite Eine Seite zurück Eine Seite vor Zur letzten Seite   Seitenansicht vergrößern   Gegen den Uhrzeigersinn drehen Im Uhrzeigersinn drehen   Aktuelle Seite drucken   Schrift verkleinern Schrift vergrößern   Linke Spalte schmaler; 4× -> ausblenden   Linke Spalte breiter/einblenden   Anzeige im DFG-Viewer
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_20_1909/0130
DAS NEUE DEUTSCHE BILDERBUCH <&£^

Sünna, altdeutsch, heißt die am Himmel Reisende."

weilen und sogar, wenn das Kind fähig wird,
Schlüsse zu ziehen, zur Heuchelei erziehen.

In diese drei Kategorien kann man die gesamte
Kinderbuch-Literatur einteilen: erstens:
die alten Sagen, Märchen und Schwänke,
zweitens: die lehrhaften Erzählungen, die
immer auf moralische Tugenden ausgehen,
und in denen der Erzähler vor das Kind mit
erhobenem Zeigefinger tritt, und drittens: die
modernen Kinderbücher. Damit ist zugleich
der Gang der Entwicklung gekennzeichnet.
Die ersteren bildeten immer den Untergrund,
den eisernen Bestand der Kinderliteratur. Die
zweiten kamen aus der kleinbürgerlich beengten
Atmosphäre einer Welt, in der alles sorgfältig
eingeschachtelt war, wo die Moral die
Hauptrolle spielte und das Leben anständig und
borniert sich abwickelte. Nachdem man sich
daran übersättigt hatte, kam als Erlösung das
moderne Kinderbuch. Hier herrscht das Kind.
Der Erzähler und Schilderer tritt nicht als
langweiliger Lehrer vor das Kind, sondern
er fragt: was will das Kind? Was paßt für
seine Sinne, für seine Phantasie? Wie erhalte
ich ihm die Frische der Anschauung, die
Innigkeit des Erlebens, wie rege ich es an?
Kurz, früher war der Lehrer die Hauptsache,
jetzt tritt das Kind in den Vordergrund, als
kleine, selbständige Welt von Empfindungen.

Was will das Kind lesen? Es will erleben.
Es dürstet nach Geschehnissen, und die

Empfindung ist ihm nur als erklärender Begleitumstand
von Bedeutung und Wert. Es
will in das Leben hinein, das Leben, das es
interessiert. Nicht das wirkliche Leben; das
ist für das Kind noch ohne Reiz. Es ist zu
wenig geheimnisvoll, es gibt neben dem Bedeutenden
zu viel Nebensachen. Der Erwachsene
ist darin heimisch. Das Kind fühlt
sich erdrückt. Es ist nicht seine Welt, wenigstens
nicht ganz seine Welt. Diese wirkliche
ist ihm nur Mittel, seine eigene zu erleben.

Dann liebt das Kind das Geheimnisvolle.
Es ahnt gerne und spinnt die Erzählung weiter.
Eine alte Frau auf der Straße, die sich die
Hände am Feuerbecken reibt, wird für das
Kind zu einem romantischen Erlebnis. Es
sieht die Hexe, die die kleinen Kinder in den
Wald lockt. So formt das Kind die Realität
um, und das wirkliche Geschehnis wird zum
Märchenstoff. Das Kind erlebt die Welt, es
sieht sie nicht bloß. Das Geheimnisvolle ist
sein Mittel, Realität zu erleben. —

Neben dem Geheimnisvollen liebt das Kind
die Wärme der Darstellung. Das Ganze
muß von einer einheitlichen Empfindung durchtränkt
sein. DasKind will die Nähe des Menschlichen
fühlen. Trockene Darstellungen, mögen
sie noch so mit Erlebnissen angefüllt sein,
liebt es nicht. Es liebt das Poetische, das

„Manchmal scheint sie verstimmt und entzieht sich für lange unseren

Blicken."

AUS: „HELENE GRÄFIN HARRACH-AR CO: EINIGES VON
DER SONNE" (VERLAG EDMUND MEYER, BERLIN)

106


Zur ersten Seite Eine Seite zurück Eine Seite vor Zur letzten Seite   Seitenansicht vergrößern   Gegen den Uhrzeigersinn drehen Im Uhrzeigersinn drehen   Aktuelle Seite drucken   Schrift verkleinern Schrift vergrößern   Linke Spalte schmaler; 4× -> ausblenden   Linke Spalte breiter/einblenden   Anzeige im DFG-Viewer
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_20_1909/0130