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-^^> DAS NEUE DEUTSCHE BILDERBUCH <^=^
AUS „LUSTIGES KLEINK1NDERBUCH" VON GERTRUD CASPARI MIT VERSEN VON ADOLF HOLST
(ALFRED HAHNS VERLAG, LEIPZIG)
schwer lesbar sein werden, wie es bei den
„Schildbürgern" der Fall ist.
Der Verlag ist bestrebt, den reichen Schatz
der Vergangenheit der heutigen Generation zu
erhalten und ihr in einem entsprechenden Zeitgewand
zuzuführen. Es wäre aber wünschenswert
, wenn er sich auch darauf besänne, daß
es, namentlich was die Texte anlangt, auch
eine moderne Kunst für das Kind gibt. Diese
Ausbeutung des alten Sagen- und Märchenmaterials
- es ist im allgemeinen gesagt und
gilt nicht für Fischer & Francke allein —
gleicht schon einem Raubbau, und die Anfertigung
der Illustrationen ähnelt einer Massenfabrikation
. Das Niveau sinkt dadurch
nur immer tiefer, und wir kommen schließlich
zu Verlegern, die aus dem Hurrapatriotismus
am besten Kapital zu schlagen glauben
und Bücher herausgeben, etwa mit dem Titel:
„Der Herr hat sie geschlagen. Erzählungen
aus dem Jahr 1813.", wogegen auf das schärfste
protestiert werden muß. Es muß klar ausgesprochen
werden, daß dieses Anreißertum auf
Grund des „Vaterländischen" ein Mißbrauch
ist, den es im heutigen Deutschland nicht
mehr geben sollte.
Weit künstlerischer und im modernen Sinne
hat der Verlag Gerlach & Co. in Wien die
Schwarz-Weißkunst benutzt und in kleinen
Bändchen der „Gerlachschen Jugendbücherei
" Proben einer gediegenen Buchkunst
geliefert, die geeignet ist, das Kind
zum Verständnis für die moderne Kunst zu
erziehen. Hier ist eine gewisse Kultur zu
merken; diese Bändchen machen einen graziösen
und frohen Eindruck. Das Dekorative
gibt dem Ganzen Zusammenhang und einen
künstlerischen Rahmen, der sich nicht vordrängt
, der aber doch den Inhalt stimmungsvoll
ergänzt. So ist es nicht verwunderlich,
daß diese Ausgaben sich auch das Ausland
erobert und in Amerika wie in Frankreich
festen Fuß gefaßt haben. Jedes dieser kleinen,
auch mit Buntbildern geschmückten Bändchen
bildet ein apartes Ganzes, das gerade durch
seinen kleinen Umfang, das quadratische Format
von vornherein besticht. Diese kleinen,
geschickt zusammengestellten Sammlungen
sind wie eine Welt für sich, in die man gerne
und behutsam eintritt. Daß dabei die deutsche
Innigkeit nicht verloren zu gehen braucht,
das zeigen die beiden Bändchen, die ich besonders
erwähnen möchte: „Die Blume im
Lied", zu dem Rud. Sieck reizende Bildchen
zeichnete und malte, und vor allem Stifters
„Bergkristall", in dessen Bildern Otto
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