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-g=^> DAS NEUE DEUTSCHE BILDERBUCH <^=^
Ebenso Orr. Hier ist das
Bewußt - Dekorative noch
energischer ausgebildet. Orr
hat die „Zwei lustigen Seeleute
" ausgestattet. Technische
, echt englische Sauberkeit
der Durchbildung. Eine
breite Kontur säumt die Farbflächen
. Das Ganze erscheint
klar und durchsichtig in flächiger
Erscheinung und hat
jene Akkuratesse, die englischen
Bilderbüchern eigen
ist, deren adrettes Wesen an
die praktische und schöne
englische Kinderstube erinnert
. Man merkt, hier kommt
ein anderer Volkscharakter
zur Erscheinung. Das Phantastische
fehlt; die Fülle der
Gesichte, das Ueberquellen-
de. Dafür ein Sinn für verständliche
Wirkung, für bewußte
, künstlerische Benutzung
des Technischen,
ein Sinn für das reale Leben,
das intim betrachtet wird,
mehr verstandesmäßig und
klar, als die Deutschen es
tun; nicht so warm, dafür
klarer und für das Kind vielleicht
oft brauchbarer.
Drauf Hand in Hand sie wandern
Von einem Baum zum andern,
Bis in der Linde mitten drin
Sie sehn die Bienenkönigin."
AUS „NASEWEIS UND DÄMELCHEN", EIN MÄRCHEN VON MARIE VON OLFERS
(VERLAG GUSTAV WEISE, STUTTGART)
Man kann diese beiden Richtungen — mehr
persönlich künstlerisch, mehr kunstgewerblich
graphisch — noch weiter verfolgen, und man
wird dann finden, daß diese Trennung nicht
äußerlich ist. Auf der einen Seite stehen
die, die auch ohne diese ganze Bewegung
da sein würden, als etwas Originales, das die
Bewegung zum Teil erst ins Leben rief (sie
sind vielleicht eckiger, kantiger, eigener), auf
der anderen die, die dieser Bewegung folgten,
daher freiere Hand hatten (sie sind vielleicht
glatter, harmonischer); die einen gehorchen
einem Zwang, die anderen haben die Ruhe
der Auswahl.
Da wird man denn das große Werk des
Schweden Larsson, das nicht nur für Kinder
berechnet ist, „Bei uns auf dem Lande"
(mit ins Deutsche übersetztem Text bei Bruno
Cassirer erschienen), zu den großen, einheitlichen
Schöpfungen rechnen müssen, die nur
einer ganzen Persönlichkeit gelingen.
Man kann sich jedoch nicht verhehlen, daß
dieser neueste Larsson etwas enttäuscht.
Man erwartet mehr. Es ist nicht die ganze
Frische und Eigenart darin, die man früher
bei ihm fand. Nur wenige Blätter zeigen diese
urwüchsig-temperamentvolle Kraft und Lustigkeit
, die Larsson so befähigten, ein Kinderbuch
zu schaffen.
Wir sehen hier ein ganzes Leben, das
Leben auf dem Lande. Empfindung drängt
sich etwas zu sehr vor, und der Ton, in dem
Larsson redet, ist etwas veraltet, breitspurig,
lehrhaft. Jedoch, das sei nur angedeutet, daß
die Welt etwas vorgeschritten ist, und daß
Larssons Kraft vielleicht altert.
Im Grunde und zum Schluß imponiert
diese Art doch, es steckt eine ganze Persönlichkeit
dahinter; das Bäurisch-Derbe, Knochige
kommt zum Ausdruck. Und man wird manche
malerische Feinheiten auf den Blättern entdecken
, wie auf jenem, wo über den Aeckern
der Frühnebel dampft und die Gestalten
leicht einherschreiten, oder man entdeckt den
alten Larsson in den lustigen, lachenden
Kindern, die im Schnee stehen, und vor allem
in dem großen Schlußbild, wo die ganze
Familie um den reichen strahlenden Weihnachtstisch
sich versammelt, mit Knechten
und Mägden und der Großvater so patriar-
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