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-s^> DIE AUSSTELLUNG MÜNCHEN 1908 <^=^
In der Möbelabteilung wie im Reich des
Kleinkunstgewerbes brachte die Ausstellung
eine Menge Formen, die nach den primitivsten
geometrischen Grundfiguren als dem Ideal zu
neigen schienen. Vielleicht, daß die Jahre
her in der kunstgewerblichen Theorie zu viel
von Logik, von Konstruktion, von Wahrheit
und anderen moralischen Qualitäten geredet
worden ist, während doch Kunst, die angewandte
wie die freie, auf ganz anderen Grundlagen
ruht. Daraus, daß das neue Kunstgewerbe
mit einem Protest gegen die Verlogenheit
der älteren Dekorationsschablone einsetzte
, braucht doch nicht zu folgen, daß nun
das Neue für alle Zeit auf dem Standpunkt
eines radikalen Protestantismus stehen bleiben
muß. Ich bin der Meinung, daß das Kunstgewerbe
sich von diesen moralinsauren Bestandteilen
gründlich reinigen muß; es muß,
um in dieser Terminologie fortzufahren, seine
urchristliche Periode bald beschließen und
sich zu einem formfrohen, diesseitigen Katholizismus
aufraffen.
Bei Licht betrachtet, stellt sich die Sache
so dar, daß eigentlich niemand anzugeben
weiß, was Einfachheit ist. Viele, die das Wort
aussprechen, glauben, damit was Rechts gesagt
zu haben, und werden sich niemals darüber
klar, daß Einfachheit nur etwas Relatives bedeuten
kann. Denn was wäre das Gegenteil
der Einfachheit? Ueberladenheit, jawohl.
Aber so wird der Begriff in der kunstgewerblichen
Theorie nicht gehandhabt. Er wird so
gehandhabt, daß sein Gegensatz nur Reichtum
oder Kompliziertheit heißen kann. Darin liegt
der Fehler. Man will die Ueberladenheit
bekämpfen und bekämpft statt dessen den
Reichtum, das Spiel, die künstlerische Laune
und die Phantasie. Das ist falsch, das ist
kulturmörderisch, und man sollte sich deshalb
abgewöhnen, die Einfachheit als etwas Absolutes
und an sich Wertvolles anzupreisen.
Nicht Einfachheit, sondern Ordnung, Takt,
Feingefühl und schöpferische Kraft tun uns
not. Nicht, daß ein Gegenstand schlicht und
formenarm ist, macht ihn wertvoll, sondern
daß er künstlerisch gestaltet, künstlerisch überzeugend
ist. Das ist gewiß keine theoretische
Neuheit, aber es sollte in der Praxis mehr
danach gehandelt werden.
Daß der Begriff der Einfachheit in der Ausstellung
vielfach falsch gefaßt worden ist, läßt
sich durch verschiedene Beispiele belegen.
Man hat sich besonders im Vergnügungspark
durch pedantische, schulmeisterliche Auffassung
des Einfachen von wirklich durchschlagenden
, sinnlich fesselnden und großzügigen
Konzeptionen abhalten lassen. Was da ist,
kann vor den Ansprüchen an Gediegenheit,
Logik und Schlichtheit wohl bestehen. Aber
es mangelt der große Zug, es mangelt die
große Gebärde, die Pracht, die Verlockung,
die Phantasie. Der Platz vor dem Künstlertheater
ä la bonne heure! Ein schöner,
reichhaltiger Eindruck, den man gerne einmal
in der Stadtarchitektur wiederholt sehen möchte.
Aber was hat man im übrigen mit dem riesigen
Raum angefangen? War es nicht ein
Jammer, den toten Winkel zwischen Halle I
und II bei Tag und bei Nacht ewig leer zu
sehen? Die Besucher trieben gelangweilt da-
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