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DIE HANDWERKER- UND
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KUNSTGEWERBESCHULE ZU CREFELD
Crefeld gehört zu den aufstrebenden Städten
des Rheinlandes. Es ist noch nicht gar
so lange her, da schlief es noch wie Dornröschen
, während seine Nachbarstädte emporwuchsen
. Von Crefeld wußte man nur, daß
dort die Nachkommen betriebsamer französischer
Emigranten Seide und Samt webten.
Das ist jetzt anders geworden. Dank der unermüdlichen
Arbeit einsichtsvoller Männer,
besonders in der Stadtverwaltung, ist neues
Leben erwacht, und die Stadt hat einen bedeutenden
Aufschwung genommen, so daß sie
heute nicht mehr vergessen wird, wenn man
die wichtigsten Plätze am Niederrhein aufzählt
. Im Innern verschönert sich die Stadt von
Jahr zu Jahr, und nach außen hat sie sich
mächtig ausgedehnt. Sie erstreckt sich jetzt
bis zum Rhein, an dem ein großer, schöner
Hafen mit ausgedehntem Industriegelände angelegt
wurde. Kein Wunder, daß sich nun in
der Stadt und ihrer Umgebung eine Industrie
nach der andern ansiedelt.
Die führenden Männer Crefelds haben erkannt
, daß der Aufschwung einer Stadt in
erster Linie nicht von außen, sondern von
innen, aus der Stadt selbst, kommen muß,
und deshalb ihre Hauptsorge den Verkehrsverhältnissen
und den Bildungsanstalten zugewandt
. Gute Eisenbahn- und Schiffahrtsverbindungen
sind eine wichtige Voraussetzung
zur Entwicklung von Handel und Gewerbe,
gute und zweckmäßig eingerichtete Schulen
aber nicht minder. Deshalb hat die warme
Fürsorge, der sich das Schulwesen Crefelds
von Seiten der städtischen Verwaltung erfreut,
nicht geringen Anteil an der Hebung der Stadt.
Außer höheren Schulen aller Art hat Crefeld
Lehrerinnenseminare und gewerbliche Fortbildungsschulen
, ein Konservatorium derMusik
und eine Kaufmannsschule,eineWebe- und eine
Färbereischule, sowie eine Handwerker- und
Kunstgewerbeschule.
Besonders bemerkenswert ist in Crefeld das
Verständnis für moderne Kunst und ihre Bestrebungen
, was in erster Linie das Verdienst
des vorzüglich geleiteten Kaiser Wilhelm-Museums
ist. Dieses Museum ist auch eine Art
Schule, gibt es doch reiche Gelegenheit, den
künstlerischen Geschmack zu bilden und sich
mit allen wichtigen Erscheinungen auf dem
Gebiete der bildenden Kunst und des Kunstgewerbes
vertraut zu machen, und mit Recht
ist Crefeld stolz auf sein Kaiser Wilhelm-
Museum. Nicht minder stolz kann es auf
seine vorzüglich eingerichtete und ausgestattete
Handwerker- und Kunstgewerbeschule sein,
die ganz Hervorragendes leistet und mit älteren
Schwestern in anderen Städten ruhig jeden Vergleich
ertragen kann. Wer Gelegenheit hat,
solche Vergleiche anzustellen, wird nicht anders
können, als der Crefelder Schule uneingeschränktes
Lob zu spenden.
FACHLEHRER: AUGUST BIEBRICHER
WOHNHAUS
Dekorative Kunst. XII. 4. Januar 1909.
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