http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_20_1909/0255
AMERIKANISCHE ARCHITEKTEN
Ii.
Auf allen Gebieten der Kunst und Literatur
ist in Nordamerika reges Sprossen bemerkbar
. Man beginnt, das Konventionelle
abzuschütteln, die direkte Nachahmung europäischer
Stilarten aufzugeben, und wagt sich hie
und da mit eigenartigen Schöpfungen hervor.
Die Amerikaner haben ein großes Adaptionstalent
und ein bedeutendes Geschick in der
Aneignung fremder Produkte, die sie dann
auch nicht immer als „geborgt" anerkennen.
Das ist der Fall in verschiedenen Kunstsphären
. Im Drama hatten die Adaptionen
ausländischer Stücke oft als „amerikanische
Dramen" zu fungieren. In der Malerei und
Skulptur war der Weg anders: die europäischen
Studien haben dahin geführt, daß man
sich eingebildet hat, nicht nur das technische
Können, die Anregung durch moderne und
alte europäische Meister, sondern auch die
Motive müßten von „drüben" geholt werden.
In der Musik waren die Amerikaner überhaupt
bis jetzt nicht schöpferisch und haben
nur in sehr geringem Maße versucht, es
zu sein.
In der Architektur hat man bisher die Anlehnung
an die klassischen Stile fast ausschließlich
betrieben. Nur der schon im ersten
Aufsatz*) erwähnte Kolonialstil hat sich, den
hiesigen Verhältnissen entsprechend, als eine
leidlich originelle Stilart daraus entwickelt.
Im übrigen hat man vielfach einzelne Teile
wie Dächer, Fenster-Ornamente, von europäischen
Bauten kopiert und oft durchaus nicht
harmonisch zusammengestellt. Diese Art „Originalität
" war natürlich schlimmer als eine
direkte Nachahmung einer Stilart.
Schon früher hatte ich Gelegenheit, zu erörtern
, daß die Landhausarchitektur am weitesten
darin vorgeschritten ist, „amerikanische"
Bauten auszuführen, die der Sonderheit der
Lebensgewohnheiten, des Klimas und der örtlichen
Verhältnisse entsprechen.
*) Vgl. Novemberheft 1907.
ARCH. MYRON HUNT-LOS ANGELES
Dekorative Kunst. XII. 5. Februar 1909
225
HOF EINES WOHNHAUSES IN EVANSTOWN
2!)
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