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LANDHAUS AM NUSZBAUM IN CRONBERG « NORD WESTANSICHT VOM VIKTORIAWEG AUS
CURT STOEVINGS LANDHAUS AM NUSZBAUM
Man mag sich bisweilen verwundern über
das seltsame Interesse und die merkwürdige
Beschlagenheit der National-Oekono-
men in Dingen baukünstlerischer Natur, und
doch gibt es eine ganz einfache Erklärung
für diese Erscheinung. Denn in der Nationalökonomie
wie bei den Fragen der Groß- und
Kleinarchitektur handelt es sich um eine richtige
, d. h. den physischen und psychischen
Bedürfnissen des Volkes entsprechende Einteilung
eines zum Leben für viele vorhandenen
Raumes. Raumkunst ist schließlich
das eine ebensogut wie das andere. Hätte
man früher, als das Bedürfnis nach einem
Ausdruck unseres neuen Fühlens sich regte
und man, noch ehe dies Fühlen selbst einigermaßen
zur Klarheitgekommen war, den Jugendstil
dafür erfand, hätte man damals schon
diese Einsicht von dem nationalökonomisch
allgemeinen Charakter der Baukunst und des
architektonischen Stiles gehabt, man wäre
wahrscheinlich viel weniger heftig in jenen
wilden Subjektivismus hineingeraten, von dem
uns zu befreien mehr als die nächsten Jahre
nötig sein werden. Man kann eben ein Haus
nicht hinsetzen, wie man eine malerische Idee
auf die Leinwand setzt, und, ist schon in der
bildenden Kunst die Herrschaft der subjektivi-
stischen Eigentümelei vom Uebel (wenn auch
entschuldbar), so läßt sich eine gesunde architektonische
Stilbildung unter ihrer Herrschaft
überhaupt nicht denken. Man hat sich daher
rechtzeitig auf diejenigen Faktoren besonnen,
deren Berücksichtigung für die Bildung neuer,
dem Fühlen der Allgemeinheit entsprechender
Formen zur Grundlage dienen müssen.
Diese Faktoren sind einmal das Lebensgefühl
des modernen Menschen — ausgesprochen
in strenger Sachlichkeit, Zielstrebigkeit,
Bedürfnis von Ruhe, Licht und Luft und
einer gewissen schönen Festlichkeit dann
das Milieu, in welches sich die Einzelheit
des Hauses einfügen muß. Das Haus als
eine Forderung der Nachbarschaft zu begreifen
und als die praktischste Aufteilung des uns
sozial gegebenen Raumes, verbunden mit
der äußersten Erfüllung unserer Schönheitswünsche
, das, kann man sagen, sind erst Einsichten
der letzten Zeit.
Professor Curt stoeving-Berlin, den man
von seiner Tätigkeit für die kunstgewerbliche
Abteilung des Warenhauses Wertheim und
von seiner Nietzschebüste her vielleicht am
vortrefflichsten kennt, scheint sich in seiner
Entwicklung in der glücklichsten Weise dem
Fortschritte vom Subjektivismus zu den allgemein
gültigen Formen in der Stilbildung
angeschlossen zu haben. Konnte man bei
seinen früheren Arbeiten noch gelegentlich
Schnörkel und Besonderheiten finden, die mit
dem „Umjedenpreiseigensein" doch irgendwie
zusammenhingen, oder Klassizismen, bei denen
die Neuform zu wenig gewann, so läßt sich
im Laufe seiner Entwicklung doch die Entdeckung
machen, daß sich dieser Künstler
in immer stärkerem Maße um die Festlegung
Dekorative Kunst. XII. 6. März 1909.
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