http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_20_1909/0288
GRAPHISCHE ARBEITEN HANS VOLKERTS
Vom Lithographen brachte er es zumKünstler.
Schon das zeugt von Persönlichkeit, Mut,
Fleiß und Ausdauer. Seine Heimat ist, gleich
vielen anderen Tüchtigen, das Frankenland.
Von Nürnberg spricht er mit Wärme. Und
der große Meister Albrecht war ihm ein
leuchtend Vorbild von Jugend an. Dessen
Gründlichkeit hat ersieh beim eigenen Studium
zum Beispiel genommen. Das erkennt man
unschwer aus seinen Naturstudien, den Pflanzen
, Bäumen, Tieren. Aber auch der Akt
verrät es und die reizenden Kinderzeichnungen.
Seine Arbeiten tragen vor allem das Gepräge
eines feinen Geschmacks und einer geläuterten
Anschauung. Und er hört nicht auf, strenge
an seiner künstlerischen Vervollkommnung
zu arbeiten. Sein Strich ist ebenso nobel als
präzis. Seine Arbeiten bekunden eingehendes
Studium bis ins Kleine, Nebensächliche. Nichts
ist ihm zu gering, um ihm liebevoll nachzugehen
. Und so leuchtet aus seinen Werken,
wie aus klaren offenen Augen, tiefe Ehrlichkeit
. Bei ihm hat alles feste Basis, Zufällig-
keits- und Effektwirkungen sind seiner Natur
fremd. Er kennt nur die wahren Früchte
hingebenden Studiums. So nimmt er sich
z. B. Zeit, vor einer Wegdistel auszuharren
bis er ihren Bau durch und durch kennt,
bis ihr Abbild auch in den feinsten Einzelheiten
auf die Fläche des Kartons gebannt
und zu seinem geistigen Eigentum geworden
ist. Ein Rasenfleckchen betrachtet
er mit derselben Gründlichkeit,
wie den formvollendeten menschlichen
Körper. Er besitzt ein angeborenes
Gefühl für die Schönheit der Linie,
richtet sein Augenmerk aber immer auf das
Ganze.Darum erfreut unsanseinenRadierungen
bei aller Genauigkeit und Sauberkeit der technischen
Einzelheiten namentlich der Hauch der
ihnen eigenen Poesie. Sein Empfinden ist rein
poetisch. Das erkennt man, wenn man an
seiner Seite durch die Straßenzüge alter winkliger
Städtchen wandert, die er uns im Bilde
so duftig vor Augen zaubert. Das erkennt
man auch an seinen allegorischen, mystischreligiösen
Bildern, die freilich nicht für die
großeMenge, fürden Materialismus, geschaffen
sind. Gerade in den letzten steckt ein Aufwand
von Gedanken und der ernste Beweis
seines technischen Könnens, Momente, die
von der Oeffentlichkeit bislang übersehen
worden zu sein scheinen. Poetischen Reiz bekunden
vor allem auch seine originalen Steindrucke
. Die Serie von zehn Blättern, die
man vielleicht „Idyllen aus dem Schäferleben"
betiteln könnte, sprechen durch ihre Natürlichkeit
und ihre feine Poesie ungemein an.
Sie bedeuten eine Rarität für jeden Sammler.
HANS VOLKERT-MÜNCHEN
Dekorative Kunst. XII. 6. Marz 1909
257
NATURSTUDIE (WEISZTANNE)
33
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_20_1909/0288