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wollten, waren sie auf den ersten Blick viel
zu leicht gebaut; und dann trotz dieser unzureichenden
Beschaffenheit zu teuer: 20 bis
39 000 M. Man muß weiter bedenken, daß
der Mittelstand, dessen Verpflanzung aus hohen
Mietskasernen in Gartenstädte das gewiß
schöne Ziel des Unternehmens war, sich aus
Personen zusammensetzt, deren Beruf sie an
das Zentrum der Stadt fesselt. Zu den Ausgaben
für die Wohnung kommen also noch die für die
Herein-und Hinausfahrt hinzu und dasOpfer an
Zeit. Diese den Mittelstand ausmachenden Berufsmenschen
sind ferner in ihrer überwiegenden
Mehrzahl unselbständige Existenzen und
bis in die späten Abendstunden — wie es scheint
im Gegensatz zu England, dem Eldorado des
Eigenheims — an die Bureau- oder Geschäftsstunden
gebunden und würden bei ihrer Heimkunft
von ihrem Eigenheim mit eigenen Augen
nur wenig zu sehen bekommen.
Wie also die Sachen in Deutschland liegen,
bleibt es für den breiten Mittelstand bei der
Etagenwohnung,*) und schließlich, ist denn
*) Das lehrt im übrigen auch ein Blick auf die
offizielle Einkommensteuerstatistik. Danach bezogen
im Jahre 1907 in Berlin von physischen Personen
ca. 90°/o aller Zensiten ein Einkommen von nur 900
bis 3000 M., ca. 6% ein solches von 3000—6500 M.,
1,7% ein solches von 6500-9500 M.
diese wirklich so übel, wie sie vielfach gemacht
wird? Es sei an dieser Stelle doch einmal
gestattet, für die im Vergleich zum englischen
Eigenhaus so sehr gescholtene Wohnung bei
uns eine Lanze zu brechen. Zunächst bedeutet
es schon einen ganz zweifellosen Vorzug, daß
bei der Etagenwohnung alle Räume in einer
Ebene liegen; das ist nicht nur bequemer,
sondern auch insofern praktischer, als dadurch
das Eindringen übler Gerüche und auch des
Lärms von einem Raum in den anderen, speziell
aus den Wirtschaftsräumen, weit besser verhindert
wird, als bei Lage der Räume über
einander. Gerade wenn man von der von
Muthesius mit so vielem Recht unter Hinweis
auf England geforderten Sonderung von
Wirtschaftsräumen und Wohnräumen ausgeht,
erweist sich der übliche Grundriß mit dem
Berliner Zimmer geradezu als eine geniale Erfindung
, indem er eine ganz scharfe Trennung
beider Raumkomplexe herbeiführt. Daß man
Schlaf- und Wirtschaftsräume so arg verkümmern
ließ, ist eine Frucht der letzten Jahrzehnte
und des herrschenden Parvenü-Unge-
schmacks, liegt aber nicht im Wesen der Berliner
Etagenwohnung begründet.
Ist aber der Mittelstand bei uns auf Etagenwohnungen
angewiesen und wollen — um auf
den Anfang dieser Ausführungen zurückzu-
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