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KUNST UND MODE
Körper und Kleidung bilden den Menschen.
Das Körperliche tritt, obwohl es theoretisch
als Grundlage und Maßstab vorschwebt,
in der modernen Zeit immer mehr zurück.
Wir sind kaum noch gewöhnt, das Spiel der
Glieder unter der Hülle zu erkennen. Das
gerade gibt der Kleidung die Schönheit: daß
sie etwas anderes wird, als nur Umhüllung.
Sie ist etwas für sich.
Diese Hülle hat im Lauf der Zeiten Selbständigkeit
gewonnen. Sie wandelt sich von
Stil zu Stil, und, was früher nur Notdurft war,
wird Schöpfung und beginnt Kultur widerzuspiegeln
.
So tritt die Kleidung als Kulturfaktor in
die Entwicklung ein. Der Reiz des Aesthe-
tischen ist ihm um so mehr eigen, je mehr
das Notwendige überwunden wird und die
Schönheit des Scheins sich befreit. Die Kleidung
will schützen. Aber schon der "Wilde
will mit seiner Hülle dräuen, blenden, er will
einen bestimmten Eindruck machen. Selbst
das Bizarre gewinnt vor den Augen des Kulturkritikers
Begründung. Die Mode als sozialpsychologische
Massenerscheinung zeigt ihre
Macht.
Wenn man die Mode von diesem Entwicklungsstandpunkt
, der von selbst zu einem
ästhetischen wird, betrachtet, verliert sie das
Kuriose, das man sonst bei Betrachtung der
Kostümstile in den Vordergrund rückt. Das
Einzelne tritt zurück, durch die Vergleichung
schält sich das Gesetzmäßige heraus. Typen
drängen sich zusammen, und die Idee des
Stils, der aus Kunst und Kultur zusammenwächst
, taucht auf. Das Geistige befreit sich
aus der Fülle der Erscheinungen.
Was ist Mode? Der Stil der Kleidung,
in dem sich die Kunst und Kultur der Zeit
dokumentiert. Eine Abwandlung des künstlerischen
Willens zu der Form der äußeren
Erscheinung. Laune, Zufall spielen mit; das
macht sie gerade lebendig. Das massenpsychologische
Moment wirkt faszinierend und
gibt dem Launenhaften die Begründung, den
Zwang. In der Mode ist Kunst und Kultur
vereint, und je künstlicher sie wird — sie
pendelt von Natürlichkeit bis zum Raffinement
— um so eigenartiger, reizvoller erscheint
sie uns vielleicht, da sie dann immer
mehr etwas Eigenes wird. Wir können verschiedene
Typen unterscheiden: die persönliche
Kleidung, die sachliche, die konventionelle
Kleidung und andere.
Die äußere Hülle umgibt den Körper wie
ein Rahmen. Ueberall sieht das Gleiche aus
diesem Rahmen heraus; aber eine Nuance
genügt, dieses Gleiche uns fremd und neu
erscheinen zu lassen. So sehr verändert die
Zutat den Kern. Es ist ein Rhythmus in der
Gestalt, der sich weiter fortpflanzt bis zu
Kleid und Hülle und schließlich ausklingt in
Hut und Schuh und Muff und Schal. Es
kommt eine Einheit zustande, die beide Gegensätze
, das Eigene und das Fremde, den
Körper und die Hülle zusammenfügt. Alle
die Farben, alle die Formen der Kostüme
umgeben die Erscheinung wie ein ausdrucksvolles
Ornament; sie schaffen ein Ensemble,
dessen malerischer Wert, deren ausdrucksvolle
Linien Kunde geben von dem Wesen,
dem Sein der Erscheinung, die sie schmücken,
mag diese sich nun offenbaren oder verbergen
wollen. Dies alles erhebt sich zugleich über
das Bloß-Wirkliche und breitet über das Bleibende
einen zwar vergänglichen, aber reizvollen
Schleier der Schönheit.
Das Launenhafte, dasGeistvolle dieser wechselnden
Erscheinungen gibt uns neue Genüsse.
Die primitive Kleidung des Wilden hat dieselbe
groteske Art, wie die Uniform des Höflings
; nur der Bürger geht ernst und sachlich
einher, wenigstens in der Gegenwart.
Vielleicht aber — und es sind schon Anzeichen
da - triumphieren wir doch über
die Monotonie und Farblosigkeit und geben
unserer Kleidung wieder etwas, das mehr ist
alsNotwendigkeit; ein weniggeistreiche Laune,
Freude an der Farbe und Sinn für den Wechsel
der Formen.
Diese Ausführungen geben eine Andeutung
von der Schönheit, dem Reichtum des Stoffs.
Wir gehen nun von der Idee zu den Tatsachen
über. Das Hohenzollern-Kunst-
gewerbe-Haus (Friedmann und Weber) veranstaltete
eine Ausstellung, die das interessante
Thema „Die Dame in Kunst und
Mode" zum Gegenstand hatte. Arbeitskomitee,
Ehrenkomitee, eine Ueberfülle von Namen
und auch der wohltätige Zweck fehlte nicht.
In drei Gebiete sondert sich zwanglos die Materie
, die hier zur Schau kommt: die Industrie
, die Malerei, die Raumkunst.
Die Malerei tritt am wenigsten hervor. Es
hängen Bilder an den Wänden, die vor lauter
Möbeln, Draperien, Vitrinen nicht zur Wirkung
kommen. Meistens sind sie schwächlich,
Dekorative Kunst. XII. 6. März 1909.
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