http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_20_1909/0301
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fruchtbar gemacht ist. Davon hätte man ausgehen
müssen. Das Ganze hätte auf diese
Weise Einheit gewinnen müssen; dann hätte
man fortschreitend die einzelnen Gebiete
sondern und die Ueberfülle disziplinieren
müssen und weiterhin an dem Einzelnen den
neuen Geschmack betätigen müssen, so daß
Begriffe neu hätten festgelegt werden können
und eine Differenzierung erfolgte. Das wäre
ein dauernder Erfolg gewesen.
Wenn aber der Dilettantismus sich breit
machen darf, wie in dem Entwurf einer Gräfin
für das „Zimmer eines jungen Mädchens", das
die typisch charakterlosen Formen der Unfähigkeit
und des guten Willens zeigt, so
ist das Ensemble schon empfindlich gestört.
Und wenn dann die Industrie ihre Erzeugnisse,
die erst noch der neuen Gestaltung harren,
in wahlloser Anhäufung vorführt, so schadet
das dem Ganzen bedenklich. Das Wenige,
Gute geht unter, und die Masse dominiert.
Das ist das Deprimierende, daß man sieht,
wie auch hier die Masse herrscht. Wenn man
nicht auf dieses Grunderfordernis Bedacht
nimmt, daß die Fülle die Schönheit dieser
Dinge tötet und der Geist der Bazarware beschworen
wird, dann fehlt es am Ersten.
Wenn dann sogar noch die Trennung der Ausstellung
von den sonstigen Verkaufsständen
des Hauses nicht durchgeführt, das Lager
selbst mit in die Ausstellung hineinbezogen wird,
so ergibt sich ein Chaos. Als Höhepunkt der
Geschmacklosigkeiten sei die Vitrine eines Hof-
coiffeurs, deren Anhäufung sich im grellen
Licht präsentiert, einem Friseurladen ähnlich,
und das Theaterkunststück des Grafen Mont-
gelas „Zimmer vor der Abreise einer Dame"
erwähnt. Hier feiert der Dilettantismus Orgien ;
alles liegt in Unordnung herum, und selbst
das Kursbuch, Kuchenkrümel und angegessene
Brötchen und Eier, zerknüllte Betten und
ein Brief ,,Bald bin ich bei Dir" sind nicht
vergessen.
Wie lässt sich dieser Widerspruch zwischen
Theorie und Praxis, zwischen Ahnung und
Wirklichkeit, zwischen Idee und Ausführung
erklären? Und welche Lehre ist daraus zu
ziehen ?
Der Künstler spielt in Berlin nicht ^die
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