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VEREDELUNG DER GEWERBLICHEN ARBEIT
>N TVe Veredelung der gewerblichen Arbeit im Zu-
sammenwirken von Kunst, Industrie und Handwerk
« ist der Titel eines vor kurzem in R. Voigt-
länders Verlag erschienenen Buches, das die Verhandlungen
des Deutschen Werkbundes vom
11. und 12. Juli 1908 in München nach dem Stenogramm
wiedergibt.
Wozu denn noch? werden manche fragen. Sind
wir denn nicht schon so weit, daß beinahe jeder
Gegenstand, der einfachste wie der teuerste, seine
Veredelung erfahren hat und in künstlerischer Ausfertigung
zu haben ist? Man betrachte den Katalog
einer Metallwarenfabrik — findet man da nicht alles,
was das Herz begehrt: Messer, Gabeln, Leuchter,
Bowlengefäße, Tafelaufsätze mit Renaissance- und
Empireschmuck, aber auch — und darin zeigt sich
guter Wille und Fortschritt — in modernem Stil? Äla
van de Velde, erklärt der Verkäufer. In seinen Zügen
malt sich ein Abglanz von dem Stolz, mit dem der
Fabrikant von seinen Künstlern spricht. Von denen,
die er fest angestellt hat, damit sie in den Ateliers
seiner Fabrik Entwürfe in modernem Stil ausdenken.
Von ihrer Stellung und Tätigkeit findet sich im Referat
von Hofrat Peter Bruckmann (Heilbronn)
folgende Schilderung: »Sie sind, wie jeder Kontorangestellter
, Angestellte des Betriebes, sie haben
den Weisungen des Fabrikanten in technischen und
künstlerischen Fragen zu folgen, und sie sind ihm
um so mehr wert, je mehr sie in ihren Entwürfen
das treffen, was das Publikum will, was der neuesten
Mode entspricht. Da in dieses Arbeitsverhältnis
nicht gern Künstler gehen, denen ein selbständiges
künstlerisches Schaffen eigen ist, so treffen wir in
diesen Ateliers eine große Schar jener Zeichner
und Modelleure, deren Hauptstärke es ist, die historischen
Stile immer wieder auf die heutigen Erzeugnisse
anzuwenden. Weil sie und mit ihnen die Kunstindustriellen
das Wesen des kunstgewerblichen Erzeugnisses
viel zu viel in der äußeren Schmuckform
erblicken, so gelangen sie dazu, mit derselben Leichtigkeit
, wie gestern in historischen Stilen, heute im sogenannten
modernen Stil zu arbeiten, wobei die Anregungen
führender Künstler ebenso gewandt wie der
Formenschatz vergangener Zeiten verwendet werden.«
Die Stellungnahme des Werkbundes zu diesen
Verhältnissen kennzeichnen dann folgende Sätze des
gleichen Referates: »Der Werkbund hat in seinen Beratungen
über die Veredelung der Arbeit die Wege aufzuspüren
, auf denen Entwicklung möglich ist. Und
die ist nur möglich, wenn wir die ganze Frage der
kunstindustriellen Produktion viel tiefer fassen, sie
als eine Kulturfrage und als eine wirtschaftliche
Frage ersten Ranges ansprechen. Wir streben an:
Förderung der edlen Arbeit. Die kann nicht erreicht
werden durch neue Formen und neuen Schmuck,
sondern durch Verbesserung der Arbeits- und Ausbildungsbedingungen
aller der zur Produktion berufenen
Kräfte.«
Damit sind Ziele und Wege für praktische Arbeit
gegeben. Das Ziel: Befreiung der verarbeitenden Industrie
aus dem Banne äußerer Schmuckformen, die
in ihrem raschen Wechsel die Eigenschaft der Erzeugnisse
als Nouveautes bestimmen. Statt dessen
ein Zusammenwirken von Kunst mit Industrie und
Handwerk, das sich darstellt als ein Zusammenwirken
von Kunst und Technik und einer aufsteigenden
Geschmacksentwicklung lebendigen Ausdruck verleiht
. Diesen Zusammenhang behandeln eingehend
die Referate des ersten Versammlungstages von
Theodor Fischer und Gustav Gerike, außerdem
die Ausführungen der Diskussionsredner Richard
RlEMERSCHMID, HERMANN MUTHESIUS, SCHAEFER-
Bremen, S. Tschierschky und Fr. Naumann.
Die Vorbedingungen für ein solches Zusammenwirken
müssen durch eine entsprechende Ausbildung
der in der Produktion tätigen Kräfte geschaffen
werden. Hieraus ergab sich das Thema für den
zweiten Verhandlungstag: >Die Heranbildung des
gewerblichen Nachwuchses.« Der Behandlung dieses
Themas lag die Erwägung zugrunde, daß nur vollkommenes
Vertrautsein mit dem Wesen moderner
Technik ein produktives Gestalten und verständnisvolles
Ausführen im Geiste dieser Technik ermögliche
. Und so kamen sowohl Wolf Dohrn wie
Peter Bruckmann in ihren Referaten in erster
Linie zu der Forderung, daß die Heranbildung des
gewerblichen Nachwuchses nicht fern von den Stätten
moderner Technik auf staatlichen Schulen erfolgen
dürfe; daß vielmehr die Industrie im eigensten
Interesse einen Teil der Erziehungsaufgaben übernehmen
müsse, und zwar durch Errichtung eigener
Lehrwerkstätten. Eine Schilderung einer bestehenden
Lehrwerkstätte gibt eine in das vorliegende Buch
aufgenommene Abhandlung von Bernhard Stadler
(Paderborn), die auf der Tagung des Werkbundes
der vorgerückten Zeit halber nicht mehr zum Vortrag
kam. In dieser den Paderborner Werkstätten
für Wohnungsausstattung angegliederten Lehrlingsschule
scheint mit dem verhältnismäßig geringen
Jahresaufwand von etwa 1200 M. für vier nebeneinander
bestehende Jahrgänge schon ein großer
Teil dessen verwirklicht zu werden, was nach dem
Referat von Peter Bruckmann von solchen Lehrlingswerkstätten
erwartet werden darf: »Wenn dort
heute praktisch in Ausbildung von Auge und Hand
gearbeitet wird, muß morgen die Maschine und ihre
Leistungen besprochen und der sogenannte ungelernte
Arbeiter, der die Maschine bedient, beigezogen
werden, um mit ihm diese oder jene Verwendung
der Maschine auszuprobieren. Dann müssen
Vorträge mit Anschauungsunterricht gehalten werden
, aber keine Kunstgeschichte, die sixtinische
Kapelle und der Kölner Dom sollen nicht besprochen
werden, sondern an Hand von Abgüssen, Photographien
, Projektionen soll den Arbeitern gezeigt
werden, was in ihrem schönen Material in ihrem
eigenen Gewerbe zu allen Zeiten Mustergiltiges,
aber auch was Falsches, Materialwidriges geschaffen
wurde und warum man es in früheren Zeiten so
und heute anders macht.«
Daneben bliebe städtischen und staatlichen Schulen
immer noch ein großes Gebiet, auf dem sie unter
Wahrung höherer Gesichtspunkte die Werkstättenerziehung
zu ergänzen hätten. Wie dieses Zusammenwirken
gestaltet werden könnte, dafür gibt das
Referat von Rudolf Bosselt zahlreiche Anregungen.
Stadtschulrat Kerschensteiner wies darauf hin,
daß eine Reform des gewerblichen Erziehungswesens
nur dann erfolgreich sein kann, wenn Hand in Hand
mit ihr eine Reform des ganzen öffentlichen Erziehungswesens
geht. Seine Ausführungen gipfelten in
dem Ausdruck der Erkenntnis, die den Schlüssel
bietet für die gesunde Entwicklung jeden Gebietes:
daß die Förderung der Arbeit nur möglich ist bei
gleichzeitiger Förderung des ganzen Menschen.
Günther v. Pechmann
Dekorative Kunst XII. 6. Marz 1909
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