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NEUE KERAMIK
Während die erneuerte kunstkeramische
Technik unserer Tage es einerseits bereits
wagt, mit großer dekorativer und architektonischer
Zierplastik in den Dienst der konstruktiven
Baukunst zu treten, ist im Kleinbetrieb
der Töpferei — auch gerade in den
technischen Dingen — noch nicht im mindesten
ein Stillstand im Streben und Versuchen
zu verzeichnen. Zum Zeugnis dafür konnte
man bei der vorjährigen hessischen Landesausstellung
mehrere gelungene Leistungen der
Kunstkeramischen Anstalt C. Weiss in Darmstadt
heranziehen. Da stand in einem Blumenhof
des Gebäudes für angewandte Kunst der
mehrfach gestaffelte Aufbau eines schlanken
Brunnens, den Prof. Albin Müller in guter
Form entworfen. Aus dem Gewirr unzähliger
Schlingpflanzen stieg er empor und trug selbst
in seinen Becken und Schalen allerhand grünes
Gewächs und goß feine, rinnende Strahlen
aus den Oeffnungen seines gleich einem Fruchtknoten
auf den Blütenstamm aufgesetzten
Knaufs. Das Wesentliche der keramischen
Leistung lag in der glücklichen Farbe, in dem
Geriesel grauer und schwarzer Schuppen,
Flecken und Streifen, in Scharffeuerglasur gewonnen
und so weich und reich in allen Möglichkeiten
der Schraffierung und Schattierung
verteilt, daß inmitten des umschließenden lichten
Grün und gegen die einfassenden weißen
Wände und Mauern sich der kleine Brunnenbau
auch koloristisch fest und voll Eigenart
behauptete. Auf die Farbe mehr denn auf
die Form und dabei wieder auf das feine
Spiel wie verwischt ineinanderfließender dünner
Glasuren ist auch die beste Wirkung der
kleinen Schalen und Vasen gegründet, die
unsere Abbildung so deutlich wiedergibt, wie
das ein Schwarzdruck vermag. Der Reiz des
Besonderen liegt in der gänzlich erschöpften
Möglichkeit der Variation eines Tones über
einer konstanten Grundfarbe. Einheitlich aus
weißen, zum Teil schlicht gemusterten Kacheln
bauen sich die Oefen auf, die Prof. Conrad
Sutter für das sogenannte „Odenwälder Haus"
der Landesausstellung entworfen hat. Ihre
Wirkung wird aus der Reproduktion ohne
weiteres deutlich. An der Ausführung des
von Architekt A. Lebach in Darmstadt geschaffenen
Kamins ist die Firma Weiss mit
der Lieferung der rauchfarbenen glasierten
Fliesen beteiligt. Im übrigen ist an der Durchführung
dieses Entwurfes die zweckentsprechende
Sachlichkeit bemerkenswert. Denn um
eine elektrische Heizungsanlage handelt es
sich, wie sie in Gebrauch und Handel rasch
und gut aufgenommen worden ist. Die Glühplatten
sind von einer ganz einfachen Verkleidungaus
handgehämmertem Eisen gedeckt. Absichtlich
ist jeder Einbau, jede Vortäuschung
einer Verwendung vermieden, wie sie beim
sonstigen Ersatz der alten Holzkaminanlagen
so gegen jeden Sinn der Nutzung einer modernen
Heizkraft noch oft im Brauch ist.
Auch ein paar elektrische Lichtträger von
A. Lebach erfreuen durch die gewisse Sicherheit
der formalen Fassung. Hier fügen sich
Reife und Ringe, wiederum aus gehämmertem
Eisen, mit dem Gehänge der Glasketten und
-stäbe so zusammen, daß sofort der Eindruck
einer gefälligen Leichtigkeit sich herausstellt
und niemand in Versuchung kommen wird,
diese Gebilde mit einem abscheulich plumpen
terminus technicus des modernen Kunstgewerbes
als „Beleuchtungskörper" zu bezeichnen.
albin müller laufbrunnen
AUSFÜHRUNG: KERAMISCHE ANSTALT CARL WEISS, DARMSTADT
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