Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 20. Band.1909
Seite: 289
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LANDSITZ WIELAND, HERRLINGEN BEI ULM

WIRTSCHAFTSGEBÄUDE

RICHARD RIEMERSCHMID

Das Organische — wie oft hört man es
nennen, wie oft beruft man sich darauf!
Es bildet den Schlachtruf der ganzen kunstgewerblichen
Revolution, es ist durch den
häufigen Gebrauch so vieldeutig geworden,
daß eine glatte, klare Inhaltsbestimmung des
Wortes fast unmöglich scheint.

Ganz allgemein genommen, hängt die Vorliebe
unserer Zeit für Wort und Begriff „Organisch
" wohl zusammen mit unserem Streben
, wieder Anschluß an die dunkleren Triebkräfte
, an das Unbewußte, an die „Erde", an
das „Dionysische" zu finden. Vielleicht, daß
dieses Streben aus dem Gefühl der Entwurzelung
stammt; vorhanden ist es jedenfalls
und hilft unser gesamtes kulturelles Bemühen
als hauptsächlicher Faktor mitbestimmen. Es
hat den Anschein, als strebe der europäische
Mensch, der kulturellen Anarchie müde, nach
einer festgegründeten Heteronomie, nach einer
Unfreiheit, die den Menschen bindet, aber nicht
an irgend eine Willkür, sondern unter das
sanfte Joch der Gesetze und der ewigen Notwendigkeit
. Sicher ist, daß unsere Zeit unter
ihrer „Ungebundenheit", ihrem Indifferentismus
schwer zu leiden hat. Derjenige ihrer
Typen, dem man am häufigsten begegnet, ist
ja der Snob, der Mensch ohne Müssen, der
Mensch ohne Notwendigkeit, der Mensch, der
dem Schicksal gleichsam zu gering war, als
daß es ihn mit dem Siegel seiner Hörigkeit
versehen mochte.

Das „Organische" ist eine der zahlreichen
Formen, in denen das objektive Müssen der
Welt zutage tritt. Denn es steht in einem

scharfen Gegensatze zum „Gemachten". Wenn
wir ein Werk, eine Leistung als organisch bezeichnen
, so sagen wir damit, daß sie gewachsen
, nicht gemacht ist, daß sie dunkleren Triebkräften
ihr Dasein verdankt, daß sie in unmittelbarem
Zusammenhange mit dem Gesetzlichen
der Welt steht. Für das Organische
am Kunstwerk, wie es ihm am Straßburger
Münster entgegentrat, fand der junge Goethe
das schöne Wort, es stehe da, „gewachsen
wie Bäume Gottes". Das ist es, was unseren
Künstlern und Kunstgewerblern wieder als
Ziel vorschwebt, die Gesetzlichkeit der Natur
im Kunstwerke zu wiederholen.

Passive Tugenden reichen dazu nicht aus.
Weder willige Unterwerfung unter die Zielstrebigkeit
des Objektes, noch alle redlich gemeinte
Zurückdrängung des Subjektes öffnen
den Weg zu diesem Ziel. Es stellt sich im
Gegenteil heraus, daß nur eigenartige undeigen-
willige, stark subjektive Naturen diejenige Affinität
zu den in der Welt herrschenden Normen
besitzen, die sie befähigt, zu produzieren
wie die Natur. Nur in groß angelegten und
stark entwickelten Geistern erreicht das Subjekt
eine solche Weite, daß gewissermaßen
die Welt in dasselbe hineinpaßt. Kleinen Geistern
bleibt die Gesetzlichkeit der Natur unauffindbar
; auch Hebel und Schrauben taugen
nicht als Werkzeuge zu ihrer Entdeckung. „Sie
mag es nicht offenbaren", drückt es Goethe
aus. Das ist nicht Widerhaarigkeit der Natur,
sondern Unzulänglichkeit des Subjektes.

Nur starke Subjekte vermögen den Dingen
so ihren eigenen Willen zu lassen, daß das

Dekorative Kunst. XII. 7. April 1909.

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