Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 20. Band.1909
Seite: 297
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^=^> RICHARD RIEMERSCHMID <^=^

es wird dabei der Künstler Riemerschmid
vorausgesetzt. Wer aber fremd an die Leistungen
dieses Führenden herantritt, dem
drängt sich nicht in erster Linie die Sachlichkeit
, sondern ein künstlerisches, ein gemütliches
Element auf. Betritt man einen
von Riemerschmid geschaffenen Raum, beispielsweise
das Wohnzimmer seines eigenen
Hauses, das auf der Ausstellung „München
1908" schon zu sehen war, so drängt sich
eine Fülle wohltuender Eindrücke an das Auge,
die sich in der ersten Sekunde schon zu dem
Gesamtgefühl summieren: hier stehe ich
einer im höchsten Maße künstlerischen, mit
Laune und Wärme, ja mit Passion geschaffenen
Leistung gegenüber. Da ist der ungemein
lebendige, mit wahrhaft altdeutscher
Lebensfülle und Kraft bewegte Grundriß des
Raumes, da ist die reizende, wohlbehütete
Bucht der „gemütlichen Ecke" mit Bank und
Tisch, da ist das Zittern und Schimmern der
Morgensonne, die das Fensterkreuz freundlich
auf den Dielen nachzeichnet, da ist die
winzige Nische in der Kachelverkleidung am
Wandbrunnen, die den Trinkbecher enthält,
da ist die größere Nische neben der Tür,
zum Niederlegen der Briefschaften und Zeitungen
. Ich zähle all das andere nicht auf,
ich sage nur, daß man alle diese Einzelheiten
ins Auge faßt, in dem dunklen Bestreben,
sich Rechenschaft über die Gesamtwirkung
zu geben (Abb. S. 307—313).

Und siehe da, es zeigt sich, daß jede dieser
reizvollen Einzelheiten auf das strengste an
einen bestimmten Zweck angeschlossen ist.
Bedürfnis um Bedürfnis kam, die Grundrißlinie
zu bewegen, die niedlichen Vertiefungen
in die Wand zu drücken, der Morgensonne
den Zutritt zu öffnen. Und schließlich, nachdem
man eingesehen, wie unmittelbar all diese
ästhetischen Eindrücke aus konkreten Bedürfnissen
hervorgegangen, fühlt man sich versucht
zu der Frage: Bedürfnisse sind überall
, Material und Technik sind für jeden gegeben
; warum erzeugen diese Komponenten
nicht häufiger solche Werke, voll vom Adel
natürlichen Zwanges, voll von der „Pracht
der Gesetzmäßigkeit und der Schönheit der
Kausalität?"

Warum? Weil schon das Horchen auf den
Willen der Zwecke und Stoffe eine künstlerische
Tätigkeit ist. Dieses Horchen auf
die Dinge, dieses Achtgeben auf das Bedürfnis
kommt der Ansammlung eines Kapitals
gleich, das sich mit lauter Schönheit verzinst.
Der Künstler im Gewerbe zeigt sich zu allererst
in der Lust am Zwecksetzen; Zwecke,
Bedürfnisse erkennen, schon das bedeutet

LANDSITZ WIELAND BRUNNEN

Produktion. Besitzt ein Künstler diese Gabe
in einem Grade, wie sie Riemerschmid besitzt
, dann mag er es wohl ablehnen, von
der „Erfindung" einer Form zu sprechen,
dann mag er getrost seine Tätigkeit reduzieren
auf das „Auffinden" der Form, die
virtuell im Objekte steckt.

Nachdem ich im Falle Riemerschmid die
Rechte des Subjekts gewahrt habe, kann ich
mit einstimmen: seine Formen sind gefunden,
nicht erfunden, und da liegt die Quelle des
unbändigen Lebens, der Wärme und des Gefühls
, das sie alle erfüllt. Mit Anlehnung
an eine bekannte Goethesche Wendung könnte
man sagen: sie sind aus den Dingen heraus-
geheimnist, sie sind ihnen abgeschmeichelt
und abgelauscht und sind deshalb frei von
jener unruhigen, eitlen Subjektivität, die sich
in manchen neueren kunstgewerblichen Leistungen
bemerkbar macht. Frei aber auch
von der Kargheit und Armut, zu der mangelhaft
begabte Naturen durch die löbliche „Zurückdrängung
des Subjekts" geführt werden.
Zwischen dem Fehler jener engen, schnell

Dekorative Kunst. XII. 7. April 1909.

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