Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 20. Band.1909
Seite: 329
(PDF, 147 MB)
Startseite des Bandes
Zugehörige Bände
Varia

  (z. B.: IV, 145, xii)



Lizenz: Public Domain Mark 1.0
Zur ersten Seite Eine Seite zurück Eine Seite vor Zur letzten Seite   Seitenansicht vergrößern   Gegen den Uhrzeigersinn drehen Im Uhrzeigersinn drehen   Aktuelle Seite drucken   Schrift verkleinern Schrift vergrößern   Linke Spalte schmaler; 4× -> ausblenden   Linke Spalte breiter/einblenden   Anzeige im DFG-Viewer
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_20_1909/0364
J. P. GROSSMANN ALS GARTENGESTALTER

Wenn man, wie ich — auch in dieser Zeitschrift
schon — seit Jahren dafür eingetreten
ist, daß in der Gartengestaltung eine klare
Scheidung zwischen dem Hausgarten und dem
Parke, also zwischen der den Gesetzen der
Hausarchitektur unterworfenen kleinen Gartenanlage
und dem selbständigen Organismus
des landschaftlich gestalteten Parkes, platzgreife
, und daß nicht mehr alle Anlagen nach
einem Schema ausgebaut werden dürfen, sondern
daß sie nach den Erfordernissen des
einzelnen Falles als künstlerische Einheiten
behandelt werden müssen — wenn man also
für eine künstlerische Vertiefung der Gartengestaltung
eingetreten ist, dann greift man
gern zur Feder, sofern es gilt, über wirkliche
Gärten zu reden. Und ich fügeunseren heutigen
Gartenbildern umso lieber einige Worte bei,
als ihr Schöpfer, J. P. Grossmann, zu den
wenigen Gärten gestaltenden Fachleuten gehört
, die sich freigemacht haben von der
schematisierenden Auffassung, die bis vor
kurzem fast alle Fachleute, alle Landschaftsgärtner
, wie sie sich nennen, beherrschte. Ich
hatte Gelegenheit, Grossmanns Tätigkeit seit
Jahren aufmerksam zu verfolgen, und ich sah
zu meiner Freude, wie er sich von selbst
immer mehr seine eigenen persönlichen Anschauungen
über die Herausarbeitungder künstlerischen
Wesenszüge, die jeder Anlage innewohnen
, bildete und sie in seinen Gartenanlagen
praktisch verwirklichte.

Ein Gartengestalter muß, wie jeder andere
Künstler, vor allem zu sehen und zu empfinden
verstehen. Er muß sehen, was Gutes geleistet
wird. Er muß lebendig empfinden,
was in jedem einzelnen Falle getan werden
kann, vor allem aber, daß jeder neue Garten
neue Gestaltungsmöglichkeiten in sich schließt,
ja eine diesen innigst angepaßte Ausführung
geradezu fordert.

Wer die in den letzten Jahrzehnten entstandenen
Villenvororte unserer großen Städte
durchwandert, erschrickt geradezu darüber,
welche Gleichmäßigkeit sich in den Physiognomien
von fast allen Gärten ausprägt, die
an seinem Auge vorüberziehen. Gewiß, die
örtlichen Verhältnisse, Boden, Lage und Klima,
sind sehr oft bei vielen Gärten einander aufs
Haar gleich. Selbst in der Architektur der
Villen mag die Variation gering sein, aber
daraus folgt noch lange nicht, daß ein Garten
der Abklatsch jedes anderen sein muß. In

jedem Hause wohnen andere Menschen, schon
die Inneneinrichtung beweist es uns — und
sollte nicht gerade auch der Garten ein Spiegel
der Persönlichkeit des Besitzers, seiner Neigungen
und Eigenheiten sein?

Ein Gartengestalter muß doch so arbeiten,
daß er den Garten, den er entstehen lassen
will, zunächst im Geiste räumlich vor sich
sieht. Erst wenn er ihn geistig aufgebaut
hat, wird er sich den technisch notwendigen
Grundriß konstruieren. Und darin liegt ja
die Originalität des Schaffenden, daß er nicht
nur ein Bild mit sich im Kopfe herumträgt,
sondern immer neue Einfälle, eine hundertfältig
den ähnlichen Vorwurf variierende und
aus jedem neuen Anhaltspunkte der Situation
neue Ideen schöpfende Phantasie hat.

Gerade der Gartenschöpfer sollteein sicheres
Talent für fein abgewogene räumliche Gliederung
, für wechselvollen Aufbau des Geländes
besitzen, er sollte ein feines Empfinden für
perspektivische Wirkungen und dazu eine gute
Kenntnis seines Materials haben. Sein Material
ist so reich und vielgestaltig, wie wenige Gartengestalter
es sich träumen lassen. Unendlich
ist die Variation der Farbentöne und Formen,
welche die Blumen und Gehölze ihm bieten.
Mit ganz wenigen Pflanzen ist oft eine überraschende
Mannigfaltigkeit der Raumgliederung
und — Belebung zu erzielen. Ein gut Teil der
Eintönigkeit bestehender Gärten ist auf mangelnde
Kenntnis der Pflanzen zurückzuführen,
auf ewig wiederholte Verwendung des allgemein
üblichen Pflanzstoffes. Das gilt in erster
Linie von den architektonisch gestalteten Hausgärten
, für landschaftliche Anlagen ist Kenntnis
des Pflanzenmaterials in noch viel höherem
Grade geboten. Davon am Schlüsse ein paar
Worte.

Die Abbildungen auf den Seiten 334 und 335
können uns zeigen, wie Grossmann es versteht,
sich den gegebenen Verhältnissen anzupassen,
oder besser, wie er aus dem Vorhandenen herausgestaltet
. Es handelt sich um einen räumlich
kleinen Garten einer dicht an der Straße
liegenden Villa. Wir blicken auf dem ersten
Bild von der Straßenseite in den Garten
hinein und sehen, wie sich rechts hinter dem
nicht erkennbaren Hause eine mächtige Ulme
erhebt. Diesen Baum nun galt es nicht nur
zu schonen, sondern gleichsam als Schlüssel
der Anlage zu verwerten. Seinetwegen wurde,
wie die anderen Bilder erkennen lassen, ein

Dekorative Kunst. XII. 8. Mai 1909.

329

42


Zur ersten Seite Eine Seite zurück Eine Seite vor Zur letzten Seite   Seitenansicht vergrößern   Gegen den Uhrzeigersinn drehen Im Uhrzeigersinn drehen   Aktuelle Seite drucken   Schrift verkleinern Schrift vergrößern   Linke Spalte schmaler; 4× -> ausblenden   Linke Spalte breiter/einblenden   Anzeige im DFG-Viewer
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_20_1909/0364