http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_20_1909/0387
^tf> NEUE DEUTSCHE SILHOUETTEN <^U^
gelungene Zeugnisse der Scherenkunst darstellen
. In den so zart, subtil ausgeschnittenen
Zweiglein mit Blüten daran, in den Aehren
und Halmen mit allem drum und dran dürfte
diese Künstlerin kaum einen Rivalen haben,
auch kaum eine — Rivalin.
Durch die Entwicklung der modernen graphischen
Künste, insbesondere auch durch
den Einfluß der japanischen Flächenkunst ist
uns die Silhouette ja besonders nahe gerückt
worden. Was Nicholson, Valloton, Orlik
als Graphiker geschaffen, ist der Silhouette
oft nahe verwandt. Dieser Gruppe darf der
Düsseldorfer Hans Deiters mit seinen Illustrations
-Silhouetten zu den Erzählungen seiner
Schwester Leonore Niessen-Deiters zugerechnet
werden. („Mitmenschen" und „Leute
ohne Frack". J. G. Cotta'sche Buchhandlung
Nachfolger. Stuttgart-Berlin.) Das ist nun
wieder ganz von männlicher Kraft erfüllt,
dieses Blatt mit dem nackten, von dem verhaßten
Ehebett scheu sich abwendenden Mädchen
mit seiner in zwei Tönen so ausgesprochenen
plastischen Wirkung und mit dem
starken Anklang an Originalholzschnitt. Ein
feines Gefühl für die Linie, insbesondere
auchjfür schwierige Verkürzungen spricht aus
diesen Arbeiten und desgleichen ein starkes
Talent für Charakteristik. Man betrachte daraufhin
das Bild zu „Floh". Hier wird man
auch in einzelnem, so bei dem Küssenden,
den eigentümlich „schnittigen" Charakter der
Scherenarbeit erkennen, während bei dem Bild
zu „Die Welt von der anderen Seite" mit
seinen eleganten Konturen selbst ein hervorragender
Kenner zuerst an gezeichnete Silhouetten
dachte. — Und nun zum Schluß
noch einige kleine harmlose Silhouetten von
R. Grass, Berlin-Friedenau, hübsch ausgeschnittene
Tiere aller Art, Angler, Fischer,
einen Ganshirten mit Ballonmütze u. dergl.,
Dinge, die uns in ihrer ganzen Art an die
Silhouetten der Biedermeierzeit erinnern. Sie
tragen eine gewisse Verwandtschaft mit den
Arbeiten von Frau Pfarrer Müller, Colditz-
Sachsen, die wie auch Frau Saalwächter-
Halle, ;Frau L. von DiMLER-Stuttgart, Frida
HoFFMANN-Heilbronn, Marie Niethammer-
Stuttgart und besonders Frau von Walther
den Beweis erbringen, daß insbesondere Frauen
in ihrer fröhlichen Lust zu fabulieren berufen
erscheinen, die Tradition dieser lieblichen
Familienkunst aufrecht [zu erhalten.
Hermann Tafel
hans deiters - düsseldorf zu „eine glänzende partie«
AUS: „MITMENSCHEN*. ERZÄHLUNGEN VON LEONORE NIESSEN - DEITBRS (J. G. COTTA'SCHE BUCHHANDLUNG NACHF., STUTTGART)
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