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^=^> GUSTAV GOERKE -C^s^
ARCH. GUSTAV GOERKE-BERLIN « MODELL EINES LANDHAUSES FÜR HERRN Dr. HOPPE, HOHENMAUTH i. BÖHMEN
EINE AUSSTELLUNG VON WOHNRÄUMEN IN BERLIN
In Berlin ist die Entwicklung auf den Einzelnen
gestellt. Die Frage ist, ob es ihm
gelingt, sich durchzusetzen, ob wirtschaftliche
Unabhängigkeit ihn so auf sich selbst stellt,
daß ernicht den Wettlauf mitzumachen braucht,
der die Kräfte zermürbt.
Der Architekt Gustav Goerke gehört zu
denen, die bestimmt zu sein scheinen, in Berlin
eine entscheidende Rolle zu spielen. Nicht
daß seine Begabung schon ausgereift, sein Können
schon geklärt ist. Im Gegenteil, er hat
noch manches abzulegen. Aber er ist jung,
er ist unabhängig; er hat den Wagemut der
Jugend. Solche Kräfte kann Berlin gebrauchen.
Augenblicklich geht die Tendenz dahin, einem
größeren Publikum das Wesen der modernen,
dekorativen Bewegung nahezubringen, ihre
Brauchbarkeit für die Bedürfnisse der Allgemeinheit
zu erweisen. Es melden sich die
verschiedensten Versuche, der Mietwohnung
einen neuen Charakter zu verleihen: die
Typenmöbel, die Wohnungsausstellung Dittmar.
Radikaler geht Goerke vor. Er baut kurzerhand
in eine Wohnung alten Stils, mit zu hohen
Räumen, unausgenützten Winkeln, verqueren
Grundrissen eine Wohnung neuen Stils hinein,
ein Anschauungsunterricht, dessen Wert im
Vorführen von Beispiel und Gegenbeispiel beruht
. So schafft Goerke aus der Monotonie
der Etagenwohnung ein wechselndes Ensemble,
das einem Eigenheim ähnlich wird. Er hat
keine Scheu, und das ist amüsant zu sehen.
Er reißt Wände ein, legt Decken niedriger,
schafft Einbauten, verändert Grundrisse und
sucht so jedem Raum zu seinem Charakter
zu verhelfen. Dies ist ein Arbeitszimmer, dies
ein Musiksalon, dies ein Speisezimmer, dies das
Zimmer der Dame! So trägt er die Grundsätze
der modernen Raumanschauung, das Zweckmäßige
in das Miethaus hinein.
Man darf hierbei nicht prinzipiell werden.
Ohne Zweifel ist das ein Uebergang. Goerke
selbst wird noch ein anderes Ideal vorschweben
als alte Mieträume ummodeln. Aber es
ist gut, daß er nicht zurückscheut; das Resolute
seines Vorgehens, das seine Fähigkeit bekundet
, zu variieren, sich zu differenzieren, verdient
Anerkennung.
So schadet es auch nicht, wenn man zuweilen
empfindet, daß das Dekorationstalent die Gestaltungsgabe
noch übersteigt. Es hat für unseren
geschulteren Geschmack vielleicht etwas
Peinliches, diese Wohnung in der Wohnung
zu sehen, die Hohlräume zu ahnen und die
Täuschung der kleinen, intimen Fenster zu
empfinden, die aus den großen Fenstern ausgeschnitten
sind, man wird etwas Falsches vielleicht
schon darin sehen, auf die Mietwohnung
die Grundsätze des Eigenheims anzuwenden.
Aber wer diese Aufgabe mit Geschmack bewältigt
, wird auch Größeres leisten können.
In Bezug auf die Farbe läßt sich dieses sagen.
Man kann heute drei Arten unterscheiden: die
Art des Architekten, der verzichtet, die Art des
Malers, der komponiert, die Art des Kunstgewerbes
, der dekoriert. Goerke rechnet sich
mit seiner Arbeit zu den letzteren. Auch hier
gibt er noch ein Zuviel. Er will stark wirken,
Dekorative Kunst. XII 8. Mai 1909.
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