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NEUE KORBMÖBEL
VW'enn es noch nötig wäre, die Berechtigung, ja
*^ Notwendigkeit der kunstgewerblichen Reformbestrebungen
zu beweisen, so würde es heute genügen
, auf die Umwälzung in der gesamten Korbindustrie
hinzuweisen. Auf kaum einem anderen
Gebiet kunstgewerblichen Schaffens ist dieser Umschwung
so schnell, so vollständig
und so gründlich erfolgt. Noch
in dem vorigen Jahrzehnt gehörten
die Rohrmöbel mit zu den verkommensten
und häßlichsten gewerblichen
Erzeugnissen, die in
Deutschland gearbeitet wurden,
ja man war sich ihrer Minderwertigkeit
so allgemein bewußt, daß
sie nur in Gärten und Sommerhäusern
noch ein bescheidenes
Aschenbrödeldasein fristeten, und
die Industrie war so herunter, daß
es überall an tüchtigen, gelernten
Arbeitern fehlte, als die ersten,
nach künstlerischen Entwürfen
gearbeiteten Möbel auf den Markt
kamen und mit einem Schlage
Wandel schafften. Und heute findet
man in den Katalogen aller
bedeutenderer Rohrmöbelfabriken
nur noch Abbildungen moderner
Möbel, und diese selbst
haben in ihren neuen gefälligen
und zweckmäßigen Formen längst
wieder Eingang in unsere Wohnungen
gefunden. Hier hat allein
die Arbeit der Künstler aus
dem gleichen Rohmaterial neue
Werte geschaffen und die gesamte
Industrie in wenigen Jahren
wieder zur Blüte gebracht.
Der Dresdner M. A. Nicolai, von dessen neueren
Arbeiten wir hier einige abbilden, hat sich diesem
vernachlässigten Gebiet von Anfang an mit besonderer
Liebe und großem Erfolg zugewendet und hunderte
von Entwürfen an die verschiedensten Fabriken
hinausgegeben, was zu dem schnellen Sieg der Bewegung
außerordentlich viel beigetragen
hat. Genaue Kenntnis
der Eigenschaften und Verarbeitungsmöglichkeiten
des so geschmeidigen
und zähen Materials
und eine schier unerschöpflich
sprudelnde Erfindungsgabe
befähigten ihn zu dieser Reformarbeit
in besonderer Weise. Nachdem
diese aber in der Hauptsache
geleistet ist und es nur
noch darauf ankommt, das Errungene
auszubauen und zu festigen
, scheint uns ein etwas
langsameres Tempo am Platze.
Gut Ding will Weile haben, und
statt zu jeder Messe ein Dutzend
neuer Muster herauszubringen,
wäre es besser, nur wenige, in
Muße gereifte und ganz tadellose
Entwürfe ausführen zu lassen,
wodurch allein Entgleisungen und
Fehler vermieden werden, die bei
der jetzigen Hast nur zu natürlich
sind. Gerade Künstler von
so großen Verdiensten wie Nicolai
sollten darauf halten, daß
nichts unter ihrem Namen hinausgeht
, was nicht jeder objektiven
Kritik standzuhalten vermag
. Auch hier ist weniger mehr
und besser.
l. d.
entwurf: m. a. nicolai, mügeln b. dresden
ausführung: derichs & sauerteig, coburg
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