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DIE INTERNATIONALE VOLKSKUNST-AUSSTELLUNG IN BERLIN
die grünblau gemusterten Teller aus; manchmal
findet man hier auch größere keramische
Schmuckstücke mit feinfarbigen Mustern.
Koburg hat besonderen Fleiß auf hölzerne
Butterformen verwendet; die Holzschnitzerei
wird hier besonders gepflegt, wovon auch ein
hübsch geschnitztes Holz mit guten Tierdarstellungen
, das den Kühen zum Ziehen
aufgelegt wird, Zeugnis ablegt. Die Herdmännchen
von der Saar zeichnen sich durch
figürliche, reliefartige Darstellungen in Metall
aus. Als Wandschmuck dienen in Sachsen
lange Holzrahmen, in denen Darstellungen
aus dem Fuhrmannsleben zu sehen sind,
geschnitzt und bemalt. Ueberhaupt macht
Sachsen hier einen lebhaften Eindruck. Im
Elsaß findet man Mühlenköpfe (Wasserspeier)
und Kleienkotzer mit derber Holzschnitzerei,
deren Form nicht ohne Kultur ist; das Figürliche
ist mit feinem Sinn für Plastik behandelt
, und man denkt bei dieser elementaren
Kraft des Ausdrucks im Gesicht beinahe an
japanische Masken.
Wenn man nun vom Praktischen zum Häuslichen
geht, so sind die Möbel das erste,
das den bestimmenden Eindruck gibt. Davon
ist hier nicht viel zu sehen. Neben Bayerns
blauroten Schränken sind die Möbel aus Litauen
OLDENBURG (WESERMARSCH) « SILBERNE SCHNALLEN
bemerkenswert, markanter, eigener in ihrer
Art als die nur übermalten bayerischen. Bank
und Schrank erhalten eine resolute, ganz sachliche
, architektonische Form ; der sparsam verteilte
Schmuck, der zugleichFreude am Material
wie Sinn für den Gebrauch des Möbels verrät
, ist zuweilen durch ganz knappe Farbigkeit
(dunkles Grün etwa) unterstrichen. Von
kleinerem Gerät sind die feinen Korbflechtarbeiten
Bayerns zu erwähnen, die aus der
Technik eine graziöse Form holen. Die Wachserzeugnisse
zeigen Phantasie und Humor. Man
findet hier Spanschachteln mit breitem, grellem
Blumenschmuck in Bemalung, bei denen man
an moderne Kinderbücher, etwa an Hofer denkt.
Dasselbe passiert einem bei den überaus lustigen
Tauf briefen im Elsaß, mit Blumen, Vögeln
in gelben, roten und grünen Farben, alles hell,
kräftig und flächig. Im Spreewald sind die
farbigen Ostereier bemerkenswert; auf blauem
oder rotem Grunde ist ein zierliches Muster
in Weiß ausgespart, meist ein Taubenpaar
unter Blumengerank. *) Braunschweig — Hannover
hat schöne Kämme aufzuweisen, in
Schildpatt und Horn, bei denen oft die Grifffläche
, die als Schmuck im Haar stehen soll,
kunstvoll ausgeschnitten ist.
Dem Bereich der Frau gehören die Sticktücher
, die Gewebe an, die zahlreich in
allen Bezirken zu finden sind. Hannover hat
daStickereien, deren Muster leichte und dekorative
Form haben. Die schleswig-holsteinischen
Kissen (Knüpfarbeit) zeigen in ihrer
Stilisierung schon nordischen Einfluß. Reich,
überladen, aber nicht unschön sind die farbig
tief leuchtenden Decken der Mecklenburger,
die außerdem noch mit bunten Perlen besetzt
sind. Die gewebten Tücher Meiningens haben
im Farbigen viel Eigenart; die blassen Nuancen
sind bevorzugt, ein mattes Orange, ein zartes
Grau und Braun; es steht nicht viel auf der
Fläche. Im Schwarzwald findet man auf schwarzem
Samt,in einzelnen Stückchen, ganzeMuster
in Silber gestickt, sehr dekorativ angeordnet
und reich verschlungen; man denkt an Vogeler
etwa, an moderne Buchkunst, an Schlußstücke.
Am reichsten aber präsentierten sich hier die
Vierlande, deren Volkskunst durch ihre Kulturnote
absticht von den übrigen. Diese Sticktücher
zeigen die mannigfaltigsten Muster,
ornamental wie figürlich ; es verblüfft die technische
Vollendung, die formale Sicherheit;
die Bescheidung in den Farben, nur schwarz
oder nur rot, wirkt vornehm; auch in der
Netzstickerei leisten die Vierlande Vorzügliches
; man findet ganze Friese figürlicher Dar-
*) Dieselbe Art, die Ostereier zu schmücken,
findet man seltsamerweise in Rumänien.
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