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DIE INTERNATIONALE VOLKSKUNST-AUSSTELLUNG IN BERLIN
sie zu erhalten, bis sie schließlich von einer
skrupellosen, motivehaschenden Industrie (dies
wird auch wohl das Resultat dieser Ausstellung
sein) ausgeschlachtet wird, um zur Bazar-
ware herabzusinken. Man mag hier die Probe
aufs Exempel machen. Das ganze Material
gliedert sich in drei Teile, die zugleich Stadien
der Entwicklung darstellen: die primitiveKunst
der Naturvölker, die „gepflegte" oder „industrialisierte
" Volkskunst, die echte, ursprüngliche
Volkskunst, die auf künstlerische Anlage
und Tradition schließen läßt, die Reifes,
Vorbildliches liefert.
Es sei gleich gesagt, daß die Mehrzahl der
Länder Material zu dem zweiten Kapitel beisteuert
. Man sieht da, was bei der vermeintlichen
Pflege der Volkskunst herauskommt.
Schwächliche Imitationen, ewige Wiederholungen
und Ausschlachtungen. Von selbst drängt
sich da das Urteil auf, daß es nur zwei Möglichkeiten
der Volkskunst gibt. Entweder
die gute, alte, deren Zeit vorbei ist. Greift
die öffentliche Wohlfahrtspflege ein, so kommt
etwas Schwächliches heraus, das weder das
Alte ist, noch etwas Neues darstellt. Liegen
die Verhältnisse günstig, so mögen, wenn eine
Technik sich lebendig erhielt, Künstler der
Bevölkerung Entwürfe geben, die bewußt die
Tradition weiterleiten. Das ist dann
aber nicht mehr eigen. Die höhere
Kunst, die Kulturkunst tritt eben
an Stelle der Volkskunst. Gerade
Deutschland liefert hierzu die
Beispiele in Hülle und Fülle. Wenn
man die retrospektive Ausstellung
durchgeht, ist man des Staunens
voll. Nimmt man die modernen
Leistungen in Augenschein, die
gerade der Volkskunstpflege ihr
Dasein verdanken, so ist man entsetzt
. Da sieht man in Schaumburg
-Lippe Tücher mit knalligen
Silberblumen, Schmuck-Imitationen
, in Hessen ein Sammelsurium
billiger Gegenstände, die jedes Charakters
entbehren. In Lothringen
imitiert man die alten Muster, deren
Weiß und Hellrot so französisch
anmuten, aber allzusehr an ein
Musterlager erinnern. Auch Schlesien
ist recht dürftig.
Selbst wenn man die Gebiete
zusammenstellt, die noch Eigenes
aufzuweisen zu haben scheinen,
(wie Koburg-Gotha mit seinen
Töpfereien, Sachsen mit seinen
Klöppelspitzen und seinem erzge- Paraguay
birgischen Spielzeug, Elsaß mit
den schönen, derben, keramischen Erzeugnissen
in Sufflenheim, die so fabelhaft billig
sind, Schleswig - Holstein und Schlesien
mit seinen Hauswebereien in Scherrebeck
und Flensburg), so fragt man sich doch:
schleppt man nicht mühsam das Alte in eine
Zeit hinein, in die es nicht mehr paßt? Für
wen ist diese Volkskunst? Zum Vergnügen
für wohlhabende Kreise der Großstadt, die
ihrem Kunstdilettantismus keine andere Beschäftigung
wissen, zumal sich hier die Wohlfahrt
so glücklich mit einmischen läßt. Und
wo, wie im Erzgebirge, die Spielzeugfabrikation
blüht, da ist es die Industrie gewesen,
die die Sache in die Hand nahm. Da aber
sind die Arbeitsverhältnisse so schlimm, daß
man hier lieber von allem anderen als von
Volkskunst reden sollte. Die Volkskunst entspricht
doch nur dann ihrem Begriff, wenn
sie vom Volk geschaffen, für das Volk da ist.
Die Verhältnisse auf dem Lande sind heute
schon so differenziert, der Einzelne ist so in
Anspruch genommen, daß nur der Kenntnislose
noch eine Volkskunst erwarten kann.
Will man die Leute zwingen? In der Tat,
wo man noch eine Volkskunst zu finden meint,
steckt die Industrie dahinter, und die Volkskunst
verwandelt sich in Heimarbeit, die für
SCHIRMUBERZUG
(Spitzengewebe, Arbeit einer Negerfrau in 18 Monaten)
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