http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_20_1909/0433
DIE INTERNATIONALE VOLKSKUNST-AUSSTELLUNG IN BERLIN
SCHWARZ WALD
die Bedürfnisse anderer Kreise draußen
tätig ist, in einer Weise, die mit
Kunst wirklich nichts zu tun hat.
Volkskunst und Heimarbeit haben
nichts miteinander gemein. Das eine
ist aus eigener Kraft gewachsen; das
andere ist Ausbeutung, Not.
Nach dem mannigfaltigen Vorkommen
zu schließen, scheint das Töpferhandwerk
in Deutschland noch zu
blühen. Wer aber die Verhältnisse
kennt, weiß, daß die Töpfer dabei
nicht leben und nicht sterben können.
Immerhin scheint hier eine Tradition
vorzuliegen; man findet oft in den
abgelegensten Dörfern Töpfereien, bei
denen sich das Handwerk vom Vater
auf den Sohn vererbt.
Am regsten blüht die Volkskunst in
Bayern. Aber gerade hier sieht man,
wie die Kunst an ihre Stelle tritt.
Unsere Freude an der Bauernkunst
dieser Bezirke, die alljährlich den
Fremdenstrom aufnehmen, hat es dahin
gebracht, daß ein reiches Material
zutage gefördert wurde. Es gab
eine Zeit, wo man unter Volkskunst
nur die Arbeiten aus Tirol und Oberbayern
verstand. Nun aber, was man
STICKEREI
hier sieht, ist vorwiegend Künstlerarbeit.
Münchens Kunst und Kunstgewerbe hat
sich an diesem Quell genährt; überall trifft
man auf diese Motive, die derb und humorvoll
sind, auf diese Farben, die so kräftig
leuchten. Hier haben wir Truhen und
Spielzeug, Körbe, Fibeln, Künstlerkleider,
Puppen, Keramik; alles hat den gleichen
Charakter der Erscheinung; die Künstler,
entzückt von diesen Motiven, haben sich
daran erzogen. Eine gemeinsame Note eint
all diese Erzeugnisse. Ja, man sieht schon,
wie in den Volksschulen in diesem Geist
künstlerische Erziehung einsetzt; die Frauenarbeitsschulen
, das Lehrerinnenseminar arbeiten
in diesem Sinn. Aber seien wir ehrlich
; haben wir uns nicht diese Motive,
diese Farben schon etwas übergesehen? So
gefällig diese Dinge sonst wirken, in dieser
Masse erscheinen sie zu aufdringlich und
unselbständig, und man denkt ein wenig
an Maskerade.
*
In den meisten Fällen hat auch die Industrie
Verheerungen angerichtet. Sie hat mit
sicherem Instinkt das Geschäft gewittert
und fabriziert nun Volkskunst in jenem
üblen Sinne, der schlimmer ist als Lüge.
Die Leute erhalten dadurch Brot und
VIERLANDE
STICKEREI
398
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_20_1909/0433