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DIE INTERNATIONALE VOLKSKUNST-AUSSTELLUNG IN BERLIN
Stellung, aber die Volkskunst hat damit
nichts zu tun. Auch hiervon sehen wir
Beispiele. Man muß also in Betracht
ziehen, daß die Vertretung hier nicht
maßgebend ist. Um aus den genannten
Ländern das wirklich Bedeutende, Volkskünstlerische
zusammenzubringen, dazu
wäre eine Arbeit von Jahren nötig gewesen
. So hat man sich die Aufgabe
leichter gemacht, und namentlich Italiens
Volkskunst (schreckliche Kostüme!)
scheint hier ganz und gar von einem
jener Fremdenbazare entnommen zu sein,
die den Schrecken des intelligenten Reisenden
bilden. Ebenso scheint man die
Volkskunst Aegyptens, die hier zu sehen
ist, samt und sonders von Stangens Bazar
bezogen zu haben. Eine ganze Reihe von
Ländern sind in dieser Hinsicht schlecht
vertreten. Man hat genommen, was man
bekommen konnte. So sieht man bei
Frankreich raffiniert schwächliche Stickereien
, süßlich in der Farbe, verwaschen
in der Technik. Gibt es in der Provence,
in der Bretagne keine Bauernkunst? Die
Schweiz bietet ganz unselbständige Arbeiten
, und nur einige alte Kostümstücke
geben eine Vorstellung. Großbritannien
erinnert an einen Bazarladen,
und nur die irländischen Spitzen, die
Rasse haben, gebieten einer schonungslosen
Kritik Einhalt. Griechenland ist
geradezu traurig vertreten; auch hier
können nur die Spitzen noch gefallen.
Dänemark bietet Kleinkram, der sich
aus Bäuerischem und Kultiviertem regellos
mischt.
Einigermaßen vertreten sind dann einige
Länder, die wenigstens die Ahnung einer Vorstellung
von dem geben, was im Volk noch
lebendig ist. Das ist Holland mit seinen
Kerbschnittarbeiten undHolzformen fürPfeffer-
kuchen, Friesland, das mit seiner Farbigkeit
(rot, auch grün) alle Möbel verkleidet,
beinahe kokett ist diese Art, die an das Rokoko
erinnert, dann Belgien mit seiner reichen
Spitzenindustrie. Auch Oesterreich, das
sonst eine wahllose Mischung von geschmackloser
Bazarware und Anklängen an bosnische
Muster und andere provinziale Volkskünste
aufweist, hält sich hauptsächlich durch die
schönen Arbeiten des K. K. Spitzenkurs, deren
Reichtum und Eleganz verblüfft.
Schon dem Orient nähern sich in Formen
und Farben Rumänien und Bulgarien. Aber
diese malerischen Kostüme sind etwas in Mißkredit
gebracht. Sie verraten ein ganz reifes
Kulturempfinden, und man würde entzückt
UNGARN
WEISZES TUCH MIT SCHWARZER STICKEREI
sein, entdeckte man sie erst jetzt. Aber die
Königin von Rumänien hat sich zu oft darin
photographieren lassen. Man sieht hier übrigens
deutlich, daß bei der künstlichen Pflege nur
Schwächliches herauskommt. Merkwürdig ist,
daß sich hier dieselben bemalten Ostereier
finden wie im Spreewald.
Ueberhaupt— das „Orientalische" kann man
kaum noch ertragen. Diese reichen, überladenen
Kostüme (Bulgarien) wirken peinigend (Gold
und Silber auf Rot). In der Ornamentik der
Teppiche und Kissen, vielverschlungene, naturalistische
Blumen- und Rankenmotive, wird
man an Persien erinnert. Aber man kann das
nicht mehr sehen. Auch die Metallarbeiten,
obwohl feingliedrig und in der Flächenbehandlung
eigen, sind diskreditiert durch die Massenware
der orientalischen Bazare.
Es bleiben noch die primitiven Kunstübungen
der Naturvölker. Hier sieht man
beinahe an typischen Beispielen, wie Volkskunst
entsteht. Hier gibt es keine Beein-
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