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DIE INTERNATIONALE VOLKSKUNST-AUSSTELLUNG IN BERLIN
flussung, kein Uebertragen und Uebernehmen.
Sachlichkeitund Schmuckbedürfnis gehen Hand
in Hand. Das ist noch unkultiviert und oft
roh. Aber doch zeigt sich ein echter Instinkt,
kräftig und doch gezügelt. Man kann hier
etwa die Holzlöffel der Togoneger anführen,
die künstlerischen Instinkt verraten; auch die
Holzpuppen haben in ihrer plump-grotesken
Erscheinung ihren Reiz und eine sich deutlich
bekundende Eigenart. Aus dem Handwerklichen
ersteht das Können, das dem Bedürfnis
zu genügen bestrebt ist; aber ein untrüglicher
Instinkt leitet an, mehr zu geben,
als bloße Notwendigkeit, und so schnitzt sich
der Neger an die schöne Rundung des Löffels
einen Stiel heran, der figürliche Darstellung
zeigt. In nuce ist hier die ganze Entwicklung
gegeben. Laßt die Kultur sich differenzieren
, dann wird auf der einen Seite der
Handwerker (oder der Techniker) stehen, auf
der andern der Künstler, und wo die Entwicklung
noch in einem mittleren Stadium bleibt,
haben wir die Bauernkunst, die nicht mehr
so roh und unkultiviert ist wie die Kunst der
Naturvölker, aber auch noch nicht so kultiviert
wie die höhere Kunst der Kulturvölker.
Auch in Lappland bei den Eskimos findet
man eine Volkskunst, deren Wert in dem
Gefühl für Sachlichkeit, für die Solidität und
Zweckmäßigkeit des Materials liegt, die durch
die Härte des Klimas geboten sind. Das Nordische
erfährt hier noch eine Steigerung ins
Puritanische; man sieht nur noch Felle, Leder,
Decken. Aber es ist etwas Schlichtes, Erfrischendes
in dieser Beschränkung, und die
Art, aus Perlen Schmuck aufzureihen, so daß
hellere Flächen entstehen, hat manchen Reiz.
Meist ist alles im Kostüm auf grau gestimmt,
das dadurch düster, monoton wirkt; um so
heller tönt die grellrote Farbe hoher Lederstiefel
heraus.
Dagegen weisen die Arbeiten der Indianer
schon in eine höhere Kulturstufe; die Korbflechtarbeiten
sind sogar geradezu vollendet,
ein ganz reifer Geschmack, ein durch Tradition
erzogenes, differenziertes Können bekundet
sich hier. Die Feinheit dieser Körbe,
in allen Größen und Formen angefertigt, ist
verblüffend; sie sind reich und biegsam wie
Leder und behalten doch ihre Form. Die
Ornamentik darauf ist schlicht und ganz aus
der Technik heraus empfunden; dem matten
Braun wird dadurch ein Grün, Gelb und Rotbraun
zugefügt.
Diese Kulturnote spürt man auch bei den
mexikanischen Arbeiten, die teilweise schon
raffiniert sind. Man findet hier Stickereien (dicke
Schnüre, aufgelegt und durchgestickt), die an
die Arbeiten der Ungarn erinnern. Ein heller,
rauher Lederanzug erhält an den Aermeln
durch ausgestanzte Ornamente einen feinen
Schmuck. Eine Ausnahmestellungnimmt auch,
um beim Exotischen zu bleiben, Paraguay ein.
Hier sind Spitzengewebe ausgestellt von einer
Feinheit und Schönheit, die aus der Freiheit
des Ornamentalen eine ganz erlesene Erscheinung
herstellt. Das scheint reifste Kunst,
der auch jenes Selbstverständliche innewohnt,
jenes Lässige, das vollkommen verblüfft. Diese
Gewebe in weiß und schwarz, so leicht und
duftig wie etwas ganz Unwirkliches, dienen
auch zu Bezügen für Sonnenschirme, wo die
raffinierte Grazie besonders fein zur Erscheinung
kommt. Das ist Kunst ersten Ranges,
Kunst aus erster Hand, und man erlebt an
solchen Offenbarungen das beglückende Gefühl
, wie viel noch in der Kunst zu machen
ist. Daß nicht Künstler einmal auf Reisen
geschickt werden! Was würden sie entdecken
!
Diese ganz eigentümliche Mischung von
Primitivität und Kultur, Schlichtheit und Raffinement
kommt noch einmal zum vollendeten
Ausdruck bei den Javanern. Ihre Batikarbeiten
sind bekannt; diese matte Farbigkeit
, diese Schönheit des Technischen, dieses
ganz Eigenartige, das wir jetzt schnell nachahmen
zu können meinen. Auch die Metallarbeiten
, auf denen die Ornamentik, rätselhaft
verschlungen, überreich und doch dekorativ,
wie leicht eingeritzt erscheint, sind ausgezeichnet
. Am eigenartigsten aber erscheinen
die Figuren zu den Schattenspielen, vollkommene
Phantasiegebilde und dabei von einem
Ausdruck und einer Wahrheit die verblüffend
sind. Sie sind braun, grau, auch schwarz und
ein wenig rot belebt. Diese spitzen Nasen,
diese länglich verdrückten Köpfe, dann vor
allem der Ausdruck in den Händen, die jeweils
adlig schmal und schlank, dann wieder
plump und roh sind. Merkwürdig sicher verstehen
die Javaner in diesen Figuren den feststehenden
Ausdruck so zu wählen, daß er
doch ganz lebendig wirkt. Man muß diese
Figuren sich bewegen sehen, in ihrer fabelhaften
Gelenkigkeit, wie viel Rasse liegt darin,
welche Solidität der Arbeit bei diffizilster Ausbildung
, ja Auf lösung des Ganzen. In gleicher
Weise sind die Holzpuppen zu werten; neben
den ähnlichen Holzplastiken der Togoneger
wirken sie beinah überkultiviert. Auch hier
dieser Ausdruck im Grotesken; überspitze
Nasen, länglich schmale Köpfe. Die Arme
so beweglich, daß man zuerst beim Anfassen
erschrickt.
Auch hier schließt sich wieder ein ganzer
400
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