Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 20. Band.1909
Seite: 401
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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_20_1909/0436
DIE INTERNATIONALE VOLKSKUNST-AUSSTELLUNG IN BERLIN

Komplex zusammen; er hat seine Primitivität
und seine Kultur.

Zum Schluß kann man die Länder zusammenschließen
, die infolge besonders günstiger
Anlage des Volkscharakters prädestiniert sind
zur Volkskunst. Es sind dies drei Länder:
Ungarn, Norwegen, Rußland.

Ungarn steht an erster Stelle. Wer diese
Stickereien gesehen hat, der wird einen ganz
neuen Eindruck empfangen haben. Das war
wirklich etwas ganz Neues, ganz Geschlossenes
und im Volklichen Wurzelndes. Dabei
eine Konzentration auf diese eine Technik,
die dann in ihrer Einseitigkeit so günstigen
Einfluß hat auf die Ausbildung einer Tradition
, eines Stils. Es läßt sich diese Technik
schwer beschreiben. Gewebte Schnüre werden
aufgenäht und durchgestickt. Dabei ist eigentümlich
, daß immer die Fläche des Stoffs
im großen erhalten bleibt und nur unten, der
Rand des Rocks, dieAermel damit geschmückt
werden, dann aber so, daß die Muster dicht
beieinanderstehen, alles füllen und dick aufliegen
. Es ist reizvoll zu spüren, wie auch
dann noch der Instinkt davor bewahrt, zu viel
Farben zu mischen. Immer nur sehen wir
eine Farbe: schwarz, rot, blau, grau, auch
Gold. Diese Farben stehen dann auf einfarbigem
Grund: braun, schwarz oder weiß. Und
am vornehmsten (fast an die Wiener erinnernd)
wirkt das Schwarz auf Weiß. Immer ist das
Muster durchaus gesammelt und wirkt dadurch
sobewußt-dekorativ. Zu Vorhängen, Kleidern,
Kissen sind diese Stoffe dann verwandt. Hier
begegnen wir einer Reife des Stils, die ganz
einzig dasteht. In einer andern Gegend Ungarns
werden Schürzen und Tücher gefertigt,
die im Farbigen der gerade Gegensatz dieser
disziplinierten Art sind. Hier kommt etwas
Wildes, Ungebändigtes zum Ausdruck. Effektvolle
Farben in einer Anhäufung (grün, rot,
orange, blau), deren Keckheit etwas ganz Elementares
, Ursprüngliches hat. Aber auch hier
begegnen wir jener gleichen Konzentration,
die die Fülle meistert. Die Energie dieser
formalen Disziplin isthierdoppeltbewunderns-
wert, da die Aufgabe nicht leicht gewählt ist.
Wie gesammelt das alles nebeneinander steht,
das ist rassig und ganz vornehm und eigen.

Auch Norwegen hat seinen Stil, der in
der Volksanlage beruht. Man sieht das in den
eigenen Farben, die das Ausgesprochene,
Derbe, Kräftige lieben, meist Rot. Charakteristisch
sind die Gobelins besonders, die die
Strenge des Figürlichen, geboren aus dem
Zwang der Technik, so sicher umwandelt in
eine fastornamentaleSprache. Auch aufTüchern

findet man diese Muster. Munthe hat sich
durch diese alten Motive anregen lassen, und
man sieht in neuen Gobelins, die stilsicher
geschaffen sind, das Nachwirken der alten Tradition
. Die Farbigkeit spricht in den Möbeln
ebenso entscheidend mit, wie die Schlichtheit
der Form, die des Schmuckes nicht entbehren
will. Wie überhaupt die Technik des Schnitzens
hier seit alters geübt wird. Gegen diese volkstümliche
Kraft wirkt Schweden, das in der
Hauptsache schon sehr die „gepflegte" Volkskunst
zeigt, bedeutend schwächlicher, obgleich
auch hier noch Ursprünglichkeit sich erhalten
hat, die allerdings schon kultivierter sich darstellt
.

Der dritte große Komplex ist Rußland.
Rußland steht zwischen dem Orient und dem
Abendland. Es ist interessant, das hier bestätigt
zu finden. Ein leises Hinneigen zu
orientalischen Motiven, zu jenem überladenen
Reichtum in Gold und Farben ist bemerkbar,
doch auch wieder eine Herbheit, die fast nordisch
anmutet, und im einzelnen eine große
Selbständigkeit der einzelnen Bezirke. So
macht das Ganze einen reichen Eindruck
sowohl in der Wahl der Techniken, wie in
der Vielseitigkeit der Motive. Holzarbeiten,
Flechtwaren, Stickereien, Perlenarbeiten. Eine
Sammlung alter Holzlöffel, die teilweise mit
eigenartiger Schnitzerei versehen sind, leicht
und fein in der Motivierung, fälltauf. Ueber-
haupt, man bewundert das Beisammen des
Kraftvollen und des Weichen. Slavische Note!
Die nordische ist nur herb, sie tut den Dingen
Gewalt an, sie stilisiert. Die asiatische Kunst
ist ganz nachgiebig; sie leistet darum das
Vorzüglichste, wenn sie ganz im Material verschwindet
. Wo sie selbständig schmücken will,
wird sie leicht überladen, weichlich, weibisch.

Besonders fein sind die Stickereien, ganz
wechselvoll und verschieden: die bunten,
tieffarbigen Farbbänder der Esthen, die stilisierten
Motive in den Arbeiten Nordrußlands
und Kleinrußland mit den naturalistischen,
feinen Blumenmotiven. Besondere Volksanlage
kommt da zum Ausdruck.

Eigenartig sind auch die Kopfbinden der
Bäuerinnen, die auf mattviolettem Seidengrund
Goldstickerei zeigen, aber so leicht und aufgelöst
und graziös, daß man sich vorstellt,
wie schön es sein muß, wenn dieser Teil des
Tuches über den Kopf fällt.

Bei diesen drei Ländern spürt man, daß
es eine solche Anlage zur Volkskunst gibt,
und daß es ebenso auch unkünstlerische
Völker geben mag, wie ja die Anlage auch bei
den Individuen verschieden ist.

Ernst Schur

Dekorative Kunst. XII. 9. Juni 190g.

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