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^r^> NÜRNBERGER HANDWERKSKUNST <^=^
alten Stilen zurückzuschielen wagte. Peter
Behrens' Kunst, heißt es in der von Paul
Johannes Ree verfaßten Einleitung zu dem
Führer durch die Weihnachtsausstellung, „hat
auf die Kursteilnehmer die Wirkung eines
Stahlbades gehabt und ihrem Schaffen einen
straffen, energischen Zug gegeben". Das war
die Zeit, da manche im Handwerksmäßigen
stecken gebliebenen Holzbildhauer sich nach
einer anderen Beschäftigung umsehen mußten,
weil die Löwenköpfe, Rokokoputten und Mu-
schelaufsätze, die sie jahraus, jahrein für große
Möbelgeschäfte gearbeitet hatten, plötzlich auch
in Nürnberg keinen Anklang mehr fanden.
Dann kam Richard Riemerschmid, der in
denjahren 1903 bis 1905 die jedesmalvieroder
fünf Wochen dauernden Meisterkurse leitete.
Seine Art betonte das liebevolle Eingehen auf
die natürliche Schönheit des Materials, die
zur Geltung zu bringen heute mit Recht als
eine der Hauptaufgaben insbesondere des
Kunstgewerblers betrachtet wird; sie zeigte
den Kursteilnehmern, wie Form und Gestaltung
eines Gegenstandes und die Bildung
jedes seiner Teile dem Zweck des Ganzen
und der auszuübenden
Funktion im
einzelnen zu
entsprechen
habe. Zugleich
leitete
auch bescheidenes
, zumeist
der
Pflanzenwelt
entlehntes
Ornament
aus der Abstraktion
seines
Vorgän-
gerszumKon- daniel meinecke
kreten, von der Linie und aus der Fläche
zum Dreidimensionalen zurück.
Nachdem hierauf das Jahr der III. Bayerischen
Landesausstellung 1906 eine erste
größere Heerschau über die neuen Errungenschaften
namentlich auch des Nürnberger
Kunsthandwerks gebracht, zur Einrichtung und
Einhaltung eines weiteren Meisterkurses aber
nicht die nötige Muße und Sammlung gewährt
hatte, ward zur Abhaltung der Kurse in den
Jahren 1907 und 1908 Paul Haustein berufen
, und man darf wohl sagen, daß schwerlich
eine glücklichere Wahl hätte getroffen
werden können. Denn in der Kunst des jungen
Stuttgarter Meisters vereinigten sich eine
seltene Vertrautheit mit den verschiedensten
Materalien und den ihnen innewohnenden
Forderungen und eine damit zusammenhängende
erstaunliche Vielseitigkeit mit einer reich
blühenden, höchst individuell gearteten Ornamentik
von einer Frische, Feinheit und Lieblichkeit
, daß sie unmittelbar den gleichen Sinn
wecken, wie von selbst Lust und Freude am
heiteren, phantasievollen Spiel zarter, sich
durchaus unterordnender Zierformen erzeugen
mußten.
Nicht zu unterschätzen
war endlich,
daßPaulHau-
stein sich
schon mehrfach
auch in
der Kunst bewährt
hatte,
mit geringen
Mitteln für
den Bedarf
des kleinen
Mannes Ge-
schmackvol-
drechsler-arbeiten les, wahrhaft
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