Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 20. Band.1909
Seite: 448
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GESCHMACKSVERIRRUNGEN IM KUNSTGEWERBE

Von Konrad Lange

Es ist ein ganz neuer Gedanke im Museumswesen
, den Pazaurek mit der seit kurzem
eröffneten Abteilung „Geschmacksverirrungen
" des Kgl. Landesgewerbemuseums
in Stuttgart ins Leben gerufen hat.*) Die
Veranschaulichung ästhetischer Gesetze durch
Beispiel und Gegenbeispiel, wie sie besonders
von Schultze-Naumburg in seinen „Kulturarbeiten
" mit so großem Erfolg durchgeführt
worden ist, hat zwar seitdem auf den
verschiedensten Gebieten der Kunstwissenschaft
Anwendung gefunden. Auch ist es
schon öfter vorgekommen, daß auf Ausstellungen
schlechte Beispiele bestimmter künstlerischer
Lösungen neben gute gestellt worden
sind, um die Vorzüge der letzteren möglichst
anschaulich zu machen. Aber ein Beispiel
dafür, daß in einem Museum eine dauernde
Abteilung für Verstöße gegen den guten Geschmack
geschaffen worden wäre, liegt meines
Wissens bisher nirgends vor. Kein Wunder,
daß der hier gemachte Versuch in weiten
Kreisen nicht nur des Inlandes sehr bemerkt
worden ist und die verschiedenartigsten Besprechungen
hervorgerufen hat.

Professor Pazaurek machte, als er die neue
Abteilung einrichtete, aus der Not eine Tugend
, das heißt, er benutzte einen wertlosen
und unwillkommenen Bestandteil des Museums,
den er beim Antritt seines Amtes vorfand,
in höchst geistreicher Weise zu einer ästhetischen
Belehrung des Publikums, die auf keinem
anderen Wege so wirksam hätte bewerkstelligt
werden können. Bekanntlich war das
Stuttgarter Landesgewerbemuseum vor dem
Amtsantritt Pazaureks ebenso wie die meisten
unserer älteren Gewerbemuseen, nicht
viel mehr als ein gewerbliches Musterlager,
das die Bestimmung hatte, dem Publikum die
tatsächlichen Leistungen der württembergischen
Industrie vor Augen zu führen, also
eine Art kaufmännischer Vermittlungsstelle,
die zur Anknüpfung von Beziehungen zwischen
Konsumenten und Produzenten diente
und damit den Absatz der heimischen Industrie
förderte. Seine Leitung trug dementsprechend
ein durchaus merkantiles Ge-

*) Vgl. Geschmacksverirrungen im Kunstgewerbe.
Führer für die neue Abteilung im Kgl. Landesgewerbemuseum
Stuttgart, im Auftrage der Kgl. Zentralstelle
für Gewerbe und Handel ausgearbeitet von
Gustav E. Pazaurek. 1909. 22 S. 8°.

präge. Der Ankauf der Ausstellungsobjekte
geschah weniger nach künstlerischen Gesichtspunkten
als nach Fabrikationsarten und Materialgruppen
, weniger nach der ästhetischen
als nach der technischen Qualität. So hatte
sich eine große Zahl von Gegenständen angesammelt
, die in keiner Weise vorbildlich für
das moderne Kunstgewerbe waren, ja nach
den jetzt herrschenden Anschauungen höchstens
in einen Schauladen, allenfalls in eine
Industrieausstellung, nicht aber in ein Kunstmuseum
gehörten. Seitdem man in Stuttgart
den wichtigen Schritt getan hatte, die Kunst
und die Technik zu trennen, das Kunstgewerbemuseum
aber einem Fachmann zu unterstellen,
mußte auch hier der pädagogische Gesichtspunkt
den merkantilen verdrängen. Und seitdem
man sich bemühte, nur noch vorbildliche
Gegenstände, sei es der alten, sei es der modernen
Kunst zu sammeln, war für bloße technische
Paradestücke oder technisch virtuose,
aber künstlerisch schlechte Leistungen, wie sie
bis dahin vielfach gesammelt worden waren,
kein Platz mehr. Was sollte man nun aber
mit dem schon vorhandenen großen Bestände
anfangen?

Ich kann mich erinnern, daß Pazaurek
mir schon vor Jahren den Gedanken entwickelte
, aus diesen Gegenständen, um sie
doch irgendwie nutzbar zu machen, eine Abteilung
von Gegenbeispielen zusammenzustellen
. Das leuchtete mir damals sehr
ein, wenn ich mir auch nicht verhehlte, daß
er mit einem solchen Vorgehen nicht überall
Gegenliebe finden würde. Aber ein Museumsleiter
trifft seine Anordnungen schließlich
nicht, um irgend jemandem etwas zu Liebe
oder zu Leide zu tun, sondern um sein Museum
zu fördern und Künstler und Publikum
zu erziehen. Und welche Erziehung könnte
wirksamer sein als die Veranschaulichung der
Fehler, die im Kunstgewerbe schon früher gemacht
worden sind und noch jetzt fortwährend
gemacht werden? Eine Sammlung, die nur
aus guten Beispielen besteht, gewöhnt zwar
das Auge des Beschauers an das Gute, aber
bringt ihm nicht immer zum Bewußtsein,
warum etwas gut ist, wodurch sich das
Gute vom Schlechten unterscheidet. Das kann
nur durch eine Sammlung von Gegenbeispielen
erreicht werden.

Der erste Versuch dieser Art ist nun in

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