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-^sö> GESCHMACKSVERIRRUNGEN IM KUNSTGEWERBE <&2-e~
Verstöße gruppenweise zusammengefaßt und
ästhetisch beleuchtet werden. Für viele Erscheinungen
galt es zum erstenmal die Nomenklatur
zu schaffen. In dieser sprachlichen Arbeit
sowie in der strengen Konsequenz der
Gruppierung sehe ich das eigentliche Verdienst
dieser Ausstellung, den dauernden Nutzen, den
sie für die Aesthetik des Kunstgewerbes haben
wird.
Man hat an der neuen Abteilung getadelt,
daß sie nur Gegenbeispiele, nicht auch Beispiele
enthalte. Seltsamer Vorwurf! Erstens
ist dies gar nicht einmal durchweg der Fall —
bei Imitationen z. B. sind meistens auch die
Originale hinzugefügt —, sodann aber ist ja
das ganze Museum in seinen künstlerisch
einwandfreien Beständen ein einziges großes
Beispiel! In diese letzteren konnte man die
Gegenbeispiele unmöglich einordnen. Pazau-
rek hat ganz recht, daß man die ernsten
Abteilungen eines solchen Museums nicht
durch ausgesprochen tadelnswerte Gegenstände
entweihen dürfe. Beispiele und Gegenbeispiele
zusammen aufzustellen, ist auch
deshalb unzulässig, weil das zu Verwechslungen
und Irrtümern Anlaß geben könnte. Daraus
ergibt sich, daß eine solche Abteilung ganz
abgesondert untergebracht werden muß, in
einem Teile des Gebäudes, wo der Besucher
sofort sieht, daß es sich um etwas Besonderes
handelt, was mit den übrigen kunstgewerblichen
Abteilungen nicht durcheinandergeworfen
werden darf. Dieser Forderung ist hier
insofern Rechnung getragen worden, als die
neue Abteilung im Erdgeschoß des Museums
in unmittelbarer Nachbarschaft der
Maschinenabteilung, also getrennt von den
übrigen kunstgewerblichen Beständen untergebracht
worden ist. Außerdem ist durch
Plakate dafür gesorgt, daß jedermann sofort
sieht, um was es sich handelt, und jeder einzelne
Gegenstand, der als tadelnswert gekennzeichnet
werden soll, hat eine gelbe
Etikette erhalten, auf der der Grund des
Tadels angegeben ist, während die guten Beispiele
, die zum Vergleich hinzugefügt sind,
eine graue Etikette erhalten haben.
Hier ist nun ein sehr großes Material für
genauere Studien niedergelegt, ein Material,
das auch reichlich benützt wird, indem zahlreiche
Besucher sehr oft wiederkehren und
außer den Gegenständen auch die Etiketten
einem sorgfältigen Studium unterziehen. Als
Publikum denkt sich Pazaurek weniger die
Künstler, von denen man ja annehmen kann,
daß sie in der Regel wissen, worauf es ankommt
, sondern vielmehr die Laien, die bisher
in diesen Dingen unsicher waren, und —
die Fabrikanten, die aus dieser Unsicherheit
Nutzen zogen, ja sie durch das Lancieren bedenklicher
Fabrikate noch förderten.
Pazaurek unterscheidet drei Arten von
kunstgewerblichen Verstößen, nämlich solche
gegen das Material, solche gegen die Konstruktion
und solche gegen die Verzierung.
(Wenn man doch endlich das häßliche Wort
„Dekor" beseitigen wollte!)
Zu den M at eri a 1 ve r s t ö ßen rechnet er
die Anwendung schlechten oder bei der Herstellung
verdorbenen Materials wie z. B. verdorbene
Glasuren in der Keramik oder Gewebefehler
in der textilen Kunst, ferner die
Benützung wunderlicher Materialien : Menschenhaare
, Kork, gesponnenes Glas, Brotkrumen
usw., schlechte Kombinationen von
zwei technisch nicht zusammengehörigen Materialien
, die Verwendung zerbrechlichen Materials
zu ungeeigneten Zwecken, die Materialtäuschungen
, die Imitationen von Formen, die
in einem bestimmten Material gedacht sind,
in einem andern und so fort.
Zu den Konstruktionsfehlern rechnet
er Scheinkonstruktionen, wie sie z. B. bei
Theaterrequisiten, aber auch bei Altardekorationen
zuweilen vorkommen, Verstöße gegen
den praktischen Zweck, schlechte Proportionen,
Widersprüche zwischen Form und Gebrauchszweck
, täuschende Techniksurrogate, die verschiedenen
Arten von Kitsch, die wieder in
Hurrakitsch, Devotionalienkitsch, Fremdenandenkenkitsch
, Geschenkkitsch, Vereinskitsch,
Aktualitätskitsch und Reklamekitsch eingeteilt
werden, billige Plagiate kostspieliger Originale
und dergleichen mehr.
Zu den Ver z i e r u ng s f e h 1 e r n endlich
werden die Vergewaltigungen des Materials
durch gewisse Verzierungstechniken gerechnet,
ferner die Ueberladung mit Schmuck, aber
auch der primitivistische Verzicht auf jede Verzierung
, die sinnwidrige Wahl von Schmuckmotiven
, die Anbringung des Schmuckes an
der unrichtigen Stelle, die Anwendung historischer
Schmuckformen da, wo sie nicht hinpassen
, die Anbringung von Verzierungsweisen,
die in einem anderen Material gedacht sind,
Verzierungsurrogate, grelle unharmonische
Farben usw.
Schon diese kurze Uebersicht zeigt, wie
mannigfaltig die Gesichtspunkte sind, nach denen
die Zusammenstellung gemacht wurde,
und wie schwer es oft gewesen sein mag,
einer einzelnen Erscheinung die richtige Stelle
im System anzuweisen. Nicht nur daß manche
Gegenstände sowohl Verstöße gegen die Konstruktion
als auch gegen die Verzierung zeigen
— wobei dann eine Entscheidung getroffen wer-
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