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-s^sö> GESCHMACKSVERIRRUNGEN IM KUNSTGEWERBE <^s-
BILD 1. BUKETT, AUS MENSCHENHAAREN
GEFLOCHTENE BLUMEN
denmußte, welcher
Verstoß
der bedenklichste
, also der für
die Rubrizier-
ungbestimmen-
de sei — sondern
in vielen
Fällen konnte
man sogar zweifelhaft
sein, ob
ein Verstoß sich
auf das Material
, die Konstruktion
oder
die Verzierung
bezog, ob eine
Unterscheidung
nach diesen
Gesichtspunkten
zweckmäßig
war. Das
gilt besonders
von den täuschenden
Surrogaten
. So wird z. B. gepreßtes Papier, das
wie Leder aussieht, zu den Materialverstößen,
dagegen ein gewebter Gobelin, der wie ein gewirkter
aussieht, zu den Konstruktionsfehlern,
endlich ein gemalter Gobelin, der einen gewirkten
imitiert, zu den Verzierungsfehlern gerechnet
. Das bringt den Nachteil mit sich, daß
ästhetisch sehr nahe verwandte Erscheinungen
zuweilen auseinandergerissen, in ganz verschiedenen
Abteilungen untergebracht werden. Die
getroffene Entscheidung hat zwar immer einen
guten Sinn, und man ist oft erstaunt, wie
scharfsinnig die Erwägungen waren, die zur
Konstituierung einer bestimmten Gruppe
führten. Nur hat man manchmal den Eindruck
, daß die Einteilung für den oberflächlichen
Beschauer zu fein und deshalb vielleicht
verwirrend ist. So weiß ich z. B. nicht,
ob nicht eine andere Einteilung noch praktischergewesen
wäre, etwa in: 1. Verstöße gegen
Material und Technik, 2. Verstöße gegen
den Gebrauchszweck, 3. Täuschungsvergehen,
4. Verzierungsfehler. Doch kommt es schließlich
auf diese Formalitäten weniger an als auf
die Sache, und da kann ich nur sagen, daß
ich aus der Ausstellung die vielseitigste Belehrung
geschöpft habe. Um ihren Charakter
zu veranschaulichen, genügt es einige Ausstellungsgegenstände
im Bilde vorzuführen und
zu erläutern.
Bild 1, ein aus Menschenhaaren geflochtenes
Bukett, wird zu den Materialfehlern und
zwar zu der Klasse „wunderliche Materialien"
gerechnet. Es läßt sich in der Tat kein Grund
ausfindig machen, warum Blumen und Blätter in
Haar imitiert werden müssen. Der eigentümliche
farbige Reiz der Blumen läßt sich gerade
in diesem Material am wenigsten wiedergeben.
Eher könnte man hier in dem wunderlichen
Gegensatz zwischen dem verwendeten Material
und der dargestellten Natur die eigentliche
Ursache der Verwendung erblicken, so
daß das Ganze eine Art barocker Witz wäre.
Das hat aber mit Kunst nichts zu tun, und
schließlich läuft das Verdienst dabei eben
nur auf die Geduldsarbeit und das technische
Raffinement hinaus. Es ist erstaunlich, was
für Stoffe der irregeleitete Menschengeist für
derartige Spielereien ausfindig gemacht hat:
Eichenblätter, von denen man nur das Adergerippe
stehen gelassen hat, und auf denen
eine Silhouette, ebenfalls aus dem Adergerippe
eines Blattes, aufgeklebt ist, Gegenstände
aus Baumwurzeln, Stroh, Fischschuppen
, Schmetterlingshaaren, Menschenknochen,
Menschenhaut usw. Dazu gehören auch gewisse
moderne Materialpimpeleien, wie die bekannten
dekorativen Arbeiten aus zusammengeklebten
Briefmarken, Zigarrenbändern u. dgl.,
mit denen sich unsere unbeschäftigte Damenwelt
— auch ein Beitrag zur Frauenfrage! —
die Zeit zu vertreiben pflegt.
Ein Beispiel für schlechte Kombination
zweier nicht zusammengehöriger Materialien
ist Bild 2, ein naturalistisches Ornament aus
Porzellanblumen in Lederfassung, wobei natürlich
infolgeder verschiedenen Ausdehnungs-
Koeffizienten der beiden Materialien ein Teil
der Blumen und Blätter schon herausgesprungen
ist. Dazu gehören auch die Holzeinlagen in
Metall, die Seidenapplikationen auf Leinen, die
das Waschen unmöglich machen, die Anwendung
von Ölfarben auf Metall oder Keramik, die
natürlich niemals von Dauer sein können, usw.
BILD 2. BEMALTE BLUMEN UND BLÄTTER AUS PORZELLAN
, AUF EINE LEDERMAPPE AUFGELEGT « « •
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