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-=^=^> GESCHMACKSVERIRRUNGEN IM KUNSTGEWERBE <^Mp>
BILD 15. GEMALTER MEISZENER TELLER (LINKS) UND NACHAHMUNGEN IN DRUCK UND SCHABLONIERUNG
urteilen zu können, inwieweit die neue Abteilung
des Stuttgarter Landesgewerbemuseums
schon jetzt vollständig ist. Pazaurek selbst
denkt sie sich als in der Entwicklung begriffen
und fordert jeden zur Mitarbeit auf.
Tatsächlich hat sie sich auch, wie mir schien,
seit der Eröffnung schon wesentlich vervollständigt
. Einzelnes habe ich bei meinem letzten
Besuch vermißt. Z. B. wäre es wohl am
Platz gewesen, unsere Linoleumfabrikation
mit ihren Parkett- und Granitmustern einmal
ästhetisch zu beleuchten. Denn es ist klar,
daß die Imitation eines Holz- oder Steinfußbodens
in diesem ganz andersartigen Material
ästhetisch nicht gerechtfertigt werden kann.
Auch hier zeigt sich wieder das Gesetz, daß
jede Technik zuerst die Formen derjenigen
BILD 16. SILHOUETTE MIT FARBIGER HAUBE U. TUCH
Technik imitiert, für die sie als billigeres
Surrogat dient. Auch hier aber muß betont
werden, daß die gesunde Entwicklung in der
Richtung auf die Ausbildung eigenartiger
Schmuckformen geht, wie deren ja auch
schon für verschiedene Linoleumfabriken ausgebildet
worden sind.
Was mir besonders an der neuen Abteilung
imponiert hat, ist die unerschrockene
Art, mit der ihr Veranstalter bei der Auswahl
der Gegenstände vorgegangen ist. Da
es sich hier durchweg um eine Zensur handelt
, die der Industrie erteilt wird, ist das
Nennen der Fabrikationsfirmen natürlich vermieden
worden. Auch hat sich Pazaurek
bemüht, so viel Beispiele wie möglich außerhalb
Württembergs zusammenzubringen. Ganz
vermeiden ließ sich die Heranziehung der
heimischen Industrie freilich nicht. Und darin
lag eben das Wagnis. In einer französischen
Kritik heißt es: „Bei uns wäre eine solche
Ausstellung unmöglich, denn die Fabrikanten
würden ihren Veranstalter steinigen. Wir sind
noch nicht reif für Pazaurek." Freuen wir
uns, daß wir in Württemberg reif für ihn
sind. Und freuen wir uns besonders, daß die
Fabrikanten bei uns vornehm genug denken,
um eine sachliche Kritik ruhig über sich ergehen
zu lassen. Man braucht nicht überall
persönliche Bosheit zu wittern, wo ohne Nennung
von Namen sachliche Kritik geübt wird.
Das beste ist, man schluckt die bittere Pille
und begeht die Fehler nicht wieder. Aufgabe
der Industrie ist es, Geldwerte zu schaffen,
Aufgabe der Kunstgewerbemuseen, den Geschmack
zu bilden. Beide Zwecke können
unmöglich immer Hand in Hand gehen. Auch
hier wie in allen Fällen muß aber das Gemeinwohl
gegenüber dem Einzelwohl ausschlaggebend
sein.
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