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ARCH. OSKAR MENZEL-DRESDEN HALLE FÜR REPRODUKTIONSTECHNIK
DIE INTERNATIONALE PHOTOGRAPHISCHE AUSSTELLUNG
DRESDEN 1909
Die künstlerischen Wertmaßstäbe des vergangenen
Jahrhunderts, wie sie eine auf
die Wiederentdeckung der antiken Schönheit
gegründete Aesthetik geliefert hatte, zerbrechen
nach und nach in unserer Hand. Kaum hatte
man die Grenzen der drei Hauptgebiete künstlerischer
Gestaltung einigermaßen reinlich
gezogen, so trat die angewandte Kunst mit
dem stürmischen Verlangen nach Gleichberechtigung
in den Kreis ihrer hohen Schwestern.
Der Begriff des Zwecklichen und die Bedeutung
des Stoffes hatten ja schon in den
Untersuchungen über die Grundlagen architektonischen
Schaffens ihre Ansprüche geltend
gemacht. Nun kam das technische Moment
hinzu: die Lehre von der Form als dem
absoluten Ausdruck eines durch das Wesen
des Materiales in bestimmte Richtung gelenkten
Zweckverlangens setzte sich unter
schweren Kämpfen und nach einer Periode
seltsamer Verirrungen innerhalb des Formenerfindens
schließlich doch durch. Heute darf
zwar niemand mehr ernsthaft wagen, den
Ingenieur den Architekten der Zukunft zu
Dekorative Kunst. XII. n, August 1909.
nennen. Aber wir sind uns darüber klar,
daß unsere von dem Wesen und den Gesetzen
des Steinbaues ausgehende architektonische
Aesthetik den durch den Eisenbau
ermöglichten erweitertenRäumen, vergrößerten
Spannungen nachgeben muß, wenn sie das
Raumgefühl als die Quelle baukünstlerischen
Schaffens und Genießens festhalten will.
Es könnte einen Feuilletonisten wohl reizen,
das Verhältnis der Photographie zur Malerei
und vor allem zur Graphik und die Beziehungen
der Technik zur reinen Architektur
einmal in Parallele zu bringen. Die Ausnützung
des Lichtes an sich und der physikalisch
-chemischen Veränderungen gewisser
Materien unter seinem Einfluß fällt unter
den Begriff der technischen Leistungen genau
so wie die Berechnung der Druckempfindlichkeit
eines Eisenträgers oder der Ausdehnungs
-Koeffizienten eines Betonblockes.
Und hat der Ingenieur die Mittel, durch
ein System von Verankerungen und Vernietungen
etwa zwei Punkte räumlich so zu
verbinden, wie es der Architekt mit allen
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