Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 20. Band.1909
Seite: 484
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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_20_1909/0521
DIE WOHN HAUSKIRCHE IN WILMERSDORF

Die Gruppe von Kirche und Wohnhäusern,
die Heinrich Straumer für die Berliner
altlutherische Gemeinde errichtet hat, nachdem
sein Projekt aus einem Wettbewerb siegreich
hervorgegangen war, rührt wieder das
Problem der modernen Kirche auf. Die kirchliche
Kunst ist, soweit wir sehen, erstarrt
und verarmt. Ihre Triebkraft scheint sich
erschöpft zu haben, nachdem sie jahrhundertelang
die buntesten Blüten getragen hat. Einen
modernen Kirchenstil haben wir nicht; unsere
besten neuen Kirchen sind in alten Harmonien
für alten Glauben gebaut. Man hätte
in ihnen auch vor 200 Jahren beten können.

Das Problem liegt so : Hat sich die Kirche
so sehr gewandelt, daß ein neuer Kirchenstil
als Ausdruck dieser Wandlung begründet ist?
Die kirchliche Kunst muß doch ein Spiegel
der Religion sein. Es geht nicht an, von
unsern modernen Architekten und Malern
einfach eine Kirche in ihrem modernen Stil
zu verlangen. Das kann nur zur Charakterlosigkeit
erziehen. Mit ihren Kunstmitteln,
mit der ihnen geläufigen Manier treffen sie
die kirchliche Stimmung nie. Unsere neue
Architektur, unser Kunstgewerbe, unsere
Malerei sind bürgerlichen Ursprungs. Sie
wurden fern vom nunmehr kalten Schoß der
Kirche groß. Sie sind ihr im Geiste und im
Blute fremd. Wird ihnen nun wirklich die
Aufgabe, der Kirche ein Haus zu bauen, da
muß unsere „angewandte" Kunst schon eine
ganz bedenkliche Gewandtheit entfalten. Den
richtigen Stil zu treffen, ist dann bezeichnenderweise
die Hauptsorge. Kann das mehr
als eine recht äußerliche Modernisierung alter
Kirchenstile, als ein fühlloses Verquicken von
Stilen alter und neuester Zeit werden?

Das ist die leidige Regel. Und doch sind,
hüben wie drüben, bei der Kirche wie bei
den Künsten, Ansätze einer bessern Lösung
vorhanden. Die Kirche als Bekenntnisgemeinschaft
entwickelt sich tatsächlich, wenn
sie's auch nicht wahrhaben will, langsam
weiter und wird über kurz oder lang nach
einer neuen äußern Form verlangen. Wenn
auch die Dogmen bleiben, so treten sie doch
mehr in den Hintergrund gegenüber dem gemütlich
-sittlichen Gehalt der christlichen
Lehre. Die Kirche wird lebensfreundlicher,
einfacher, bürgerlicher. Die übernatürlichen
Wunder werden durch die Wunder der Natur
verdrängt. Aus einem abstrakten, unvorstellbaren
Geist wird Gott unmerklich die allumfassende
schöpferische Kraft, die in der
Unendlichkeit der Welten wie im Spiel der
Atome sich auswirkt und auch den Menschen
selbst erfüllt. Diese Religion, die sich ankündigt
, die einen neuen künstlerischen Ausdruck
bekommen soll, hat einen solchen teilweise
schon — außerhalb der Kirche — gefunden
. Uhde ist religiöser Maler, nicht
weil er „heilige Geschichte" darstellt, sondern
wegen seiner erbarmenden Liebe zu den
Elenden und Kleinen. Vom Adel des Menschen
, vom Göttlichen in ihm kann auf keiner
Kanzel eindringlicher gepredigt werden, als
es die verschrieene Elendsmalerei teilweise
getan hat. Eine „frohe Botschaft" tönt aus
den Werken Millets und Meuniers. In
brennender Farbenpracht, im Weben des
Lichts, im Sturm der Elemente redet die
Urkraft, das Göttliche, zu uns: diese tiefe
Ergriffenheit beherrscht wie eine unbewußte
Weltanschauung viele unsrer Künstler. Es
ist ein wildwachsender, unformulierter Glaube,
ein Gottesdienst ohne Priester. Niemand
schürt diese Flamme im Innern, die vielleicht
ein Teil göttlichen Feuers ist. Sicher gibt
es heute schon viele Menschen, die sich an
Werken einer solchen Kunst erbauen, beschwingen
, entzünden, läutern. Selbst die
kindliche Naivität der „Primitiven" ist oft
frömmer, lauterer, als die geheuchelte des
„Kirchenmalers". Architektur und Kunstgewerbe
haben freilich die gleiche Vertiefung
noch nicht. Vielleicht bedeutet es etwas, wenn
man jetzt die natürlichen Stoffe so ehrfürchtig
behandelt, als ob sie Geheimnisse enthielten.
Man adelt den Stoff, der vor aller demütigenden
Maskerade behütet wird, — und damit auch
den Menschen. Es sind Tendenzen vorhanden
zu weihevoller Rhythmisierung des Lebens,
man ersehnt Räume der Sammlung und Ver-
sunkenheit ... So gehen sich Kirche und
Kunst entgegen, — bis zu einer neuen Vereinigung
kann es noch lange währen. Jedenfalls
liegt das Problem der kirchlichen Kunst
nicht im Finden des richtigen „Stils", wie
man allgemein zu glauben scheint. —

Die Kirche in Wilmersdorf zeigt ein ernstes
Ringen mit dem Problem, wenn es auch in
seiner ganzen Tiefe auf einmal natürlich nicht
bewältigt werden kann. Der neue, lebensfreundlichere
, bürgerlichere Charakter der
Kirche kam schon dadurch glücklich zum
Ausdruck, daß das Gotteshaus mit den
Wohnhäusern in einer Gruppe vereinigt

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