http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_20_1909/0555
-*=^> DIE AUSSTELLUNG BEMALTER WOHNRÄUME IN MÜNCHEN <^s^-
GERTRUD LORENZ-DRESDEN « LEINEN KISSEN, LILA U . BLAU, M. KURBEL- U. MASCHINENSTICKEREI IN VERSCHIEDENEN
FARBEN « DECKE AUS LILA LEINEN, MIT ROT U. BLAUEM BAND U. SOUTACHE BESETZT, ROT U. SCHWARZ BESTICKT
fern, als die freien Künstler die Entwürfe für
die handwerklichen Erzeugnisse zeichneten
und sie den Handwerkern zur Ausführung
überließen. Das war aber natürlich der Idealzustand
nicht, und zumal die Handwerker empfanden
und empfinden darin etwas wie eine
Demütigung, ein Zurückgedrängtwerden in die
zweite Klasse. Auch den Dekorationsmalern
ging es so, und sie entschlossen sich zu einer
Art Protestkundgebung, die sie aber nicht in
Worte kleideten, der sie vielmehr durch eine
Tat Ausdruck verleihen wollten, eben durch
die „Ausstellung bemalter Wohnräume", veranstaltet
von der Ortsgruppe München des
Süddeutschen Maler- und Tünchermeisterver-
bandes in einigen gar nicht so übel zurecht
gemachten Räumen des alten Augustinerstocks.
Dem Katalog geht ein Vorwort voraus, und
dies trägt ein Motto, das die Ziele und den
Zweck der Ausstellung formuliert: „Durch
das Eindringen der Künstler in den Gewerbebetrieb
der Handwerksmeister sinkt derselbe zu
einem Organe herab, das die Gedanken und
Entwürfe des Künstlers sklavisch auszuführen
hat. Daß dieses eine lähmende Wirkung auf
die im Handwerk vielfach vorhandenen selbstschöpferischen
Kräfte ausübt und das Vertrauen
der Handwerker zu ihrem Können
untergraben muß, ist begreiflich. Aufgabe
der gewerblichen Korporationen ist es aber,
das selbständige Schaffen der Handwerksangehörigen
zu heben und zu fördern und allem
entgegenzutreten, was die Abhängigkeit des
Handwerkes vom Künstler zu vergrößern geeignet
erscheint."
So blieben also die Künstler aus dieser
Ausstellung verbannt. Die Handwerksmeister
waren unter sich, und es bot sich ihnen Gelegenheit
zu zeigen, was sie können, ob sie
schon allein zu fliegen vermögen, oder ob sie
auch fernerhin noch der Führung durch die
Innenarchitekten bedürfen. Leider muß es
gesagt werden, daß die Ausstellung in allem
Wesentlichen verunglückte. Hier fehlt aller
Stil und mehr als das! Nicht einmal ein primitiver
Geschmack behütete die Meister vor
allzu derben Entgleisungen. Mehr oder minder
gelungene Details vermögen an diesem ungünstigen
Gesamteindruck nichts zu ändern . . .
Diese Ausstellung will eigentlich mehr
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