Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 21. Band.1909
Seite: 1
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G. SEGANTINI

SELBSTBILDNIS (SAVOGNINO 1890)

GIOVANNI SEGANTINI

ZU SEINEM 10. TODESTAG 28. SEPTEMBER 1909
Von GOTTARDO SEGANTINI

»Artista si nasce, non si diventa*

(Wer nicht als Künstler geboren, wird nie zum Künstler)

Es war Sonntag und ich beschaute, die Ellbogenauf
das Gesims meines kleinen Dachfensters
gestützt, die hohen Nadeln der lombardischen
Hauptstadt, über der die letzten
Strahlen der untergehenden Sonne leuchteten.
Seit einigen Tagen fühlte ich in mir ein unsagbares
Einsamkeitsgefühl. Ich war 19 Jahre
alt und ein brennendes Verlangen nach Liebe
entflammte meinen Geist. An jenem Tag hatte
ich ein Konzert gehört und die Musik hatte
meine freigewordene Seele zu Flügen unsagbarer
Wonne erhoben. In raschem musikalischen
Wirbel reihten sich tausend schleierhafte
Gestalten aneinander und lösten sich
wieder in lieblichem Rhythmus auf. Dann
welkten sie zerfließend hin in der Luft,

Die in diesem Aufsatz abgedruckten Briefe und Fragmente
sind den gesammelten Briefen und Schriften Giovanni Segantinis
entnommen, die im Herbst im Verlag von Klinkhardt & Biermann
, Leipzig, erscheinen, herausgegeben von der Tochter des
Künstlers Bianca.

wie einen Regen von Rosen hinterlassend,
während träumerisch sich mein Geist, zur
Wirklichkeit der Dinge und des Lebens zurückgekehrt
, einem Liebesgedanken hingab. Ins
Freie gekommen, schien es mir als wäre ich
größer geworden. Auf meinem Antlitz strahlte
ein sonniges Lächeln, und es schien mir, als
wären die Leute, die mir begegneten, voller
Wohlwollen für mich. In einem solchen
Seelenzustand besuchte ich eine Ausstellung
moderner Kunst. Die Bilder schienen mir
nichtssagend, stumm: Nichts von dem, was in
jenen Sälen ausgestellt war, hatte die Kraft,
mich einen Augenblick zum Nachdenken zu
zwingen. Alle waren Bilder von Malern, die
die Dinge angeschaut und sie dann auf die
Leinwand kopiert hatten. Ich sah eine größere
Leinwand, darauf mit breiten Pinselstrichen
eine Landschaft. Von dem, was davor gesprochen
wurde, begriff ich, daß dies ein bedeutendes
Gemälde sein sollte; ich schaute es
an; aber bemerkte außer den breiten Pinsel-

Die Kunst für Alle XXV. i. i. Oktober 1909


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