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VON AUSSTELLUNGEN
NEUE KUNSTLITERATUR
Führer, sei es als Vertreter akademischer Traditionen
, dem modernen französischen Kunstleben
das charakteristische Gepräge geben. Die Ausstellung
macht uns bekannt mit den bemerkenswertesten
Richtungen und Strömungen innerhalb der
zeitgenössischen Malerei und Plastik unserer westlichen
Nachbarn und besitzt außerdem einen gewissen
intimen Reiz: es sind Studien vorhanden,
die sonst wohl nie auf eine deutsche Ausstellung
wandern, Arbeiten, von denen manche Dedikationen
an befreundete Künstler tragen, und die A. Rechberg
nur durch seine nahen Beziehungen zu dem
Pariser Künstlerkreis für diesen Zweck erreichbar
waren. Auch die Internationalität dieses Kreises
kommt in der Zusammenstellung deutlich zum Ausdruck
: es sind nicht nur Franzosen, es sind Deutsche,
Russen, Finnen, Spanier usw. vertreten, die sich
aber in Paris so akklimatisiert haben, daß sie mit
der modernen französischen Kunst in einem Atem
genannt zu werden pflegen. Eine der prominentesten
Persönlichkeiten dieser Gruppe ist wohl
Troubetzkoy, der hier in einer Reihe von kleinen,
sehr lebendigen Bildnis-Bronzen und einer größeren,
skizzenhaft behandelten Gruppe >Kind mit Hund«
dem Problem der impressionistischen Plastik«
nachgeht. Dann sind, um die Arbeiten der Nicht-
franzosen vorweg zu nehmen, besonders erwähnenswert
der prachtvolle, durchgeistigte Kopf des älteren
Coquelin (Bronze) von H. Bernstamm, zahlreiche
Porträtplaketten berühmter Persönlichkeiten von dem
Oesterreicher Kautsch, ein duftiges, zartes Chrysanthemumstilleben
des Spaniers dela Gandara, Genrebilder
von Garrido, ein die Details einer russischen
Generalsuniform bis ins kleinste mühsam
nachzeichnendes Porträt von J. J. Weerts, die Marmorbüsten
der Königin Wilhelmina von Holland
und des Dichters Grafen Montesqiou von Arnold
Rechberg, eine sehr fein auf die Wirkungen des
Materials berechnetes, in Ton gebranntes und glasiertes
Kinderköpfchen des finnischen Künstlerehepaares
Ville und Antoinette Valgreen. Unter
den national-französischen Malern nehmen selbstverständlich
die Impressionisten einen breiten Raum
ein. Von den Altmeistern des Impressionismus
sind da Monet mit der Ansicht einer holländischen
Stadt und einer Seinelandschaft und Renoir mit
einem Frühwerk, einer sonnigen Landschaft (1877),
die außer ihrem künstlerischen bereits einen Seltenheitswert
besitzt. Stattlich ist die Reihe der
jüngeren Impressionisten, — meist Landschafter —
deren Arbeiten das Gemeinsame ihrer Richtung
deutlich erkennen lassen, denen jedoch auch eine
stärkere persönliche Note nicht mangelt: Maufra,
D'Espagnat, Moret, Luce, Loiseau, Berthe, Andre,
Le Sidaner, Paul Madeline, Lebasque, der mit impressionistischen
Mitteln zum Teil dekorative Wirkungen
anstrebt, schließlich Henri Martin, der in
der konsequenten Weiterführung des impressionisti-
schenPrinzips beimPointillismus angelangt ist. Fernab
vondenPfaden des Impressionismusbewegtsich Rene
Billotte in seinen träumerischen Landschaftsstimmungen
, Rene Menard, der einen Natureindruck
unter Betonung der Linien mit wenigen Farbentönen
zu übersetzen liebt, und J. P. Mesle, ein Synthetiker
von feinem Naturgefühl. Der vorbildliche Einfluß
von Puvis de Chavannes ist merklich in einem dekorativen
Gemälde »Nach dem Bade« von Hubert
de la Rochefoucauld. Aman-Jean zeigt seine stilisierende
Tendenz und die Eigenart seiner die Farben
dämpfenden und verschleiernden Malweise in einem
Pastell »Unter dem Fruchtgewinde«. Charles Cottet
hat eine castilische Landschaft in schwermütiger,
düsterer Abendstimmung gesandt, Gaston la Touche
zwei Bilder, die seine Lieblingsmotive behandeln:
Parkszenerien und sprudelnde Wasser. Von Raymond
Woog sieht man das vorzügliche Bildnis des Dichters
Anatole France, von Alfred Philippe Roll, dem
Präsidenten der Societe des beaux arts, die Skizze
zu seinem Bilde »Der Krieg« im Musee du Luxem-
bourg und einen fabelhaft lebendig hingestrichenen
Kopf eines Herrn im Zylinder, vielleicht das genialste
Porträt unter so vielen bedeutenden, die diese Ausstellung
zieren. Ferner sind zu nennen Raoul Du-
gardier, Paul Legrand, Frantz Charlet, Angele De-
lassale, eine Künstlerin, die durch ernstes Studium
und Vielseitigkeit auffällt, der Pariser Witzblatt-
Karikaturist Maxime Dethomas und Jean Francois
Raffaelli. In der plastischen Abteilung begegnen
wir u. a. der bekannten Bronzebüste des Bildhauers
Dalou von Rodin, einem »David« von Mercie, einer
geistvoll aufgefaßten Porträtbüste des Malres Dagnau-
Bouveret von Rene de St. Marceaux, einigen Arbeiten
von Jules Desbois, Camille Lefevre und Injalbert,
die noch mehr oder minder an klassizistischen
Idealen tragen, ferner einigen mehr historisch getreu
als lebendig anmutenden bronzenen Ritterfiguren von
Fremiet, schließlich Medaillen und Plaketten von
L. O. Roty, von denen einige in Bezug auf Komposition
unzweifelhaft Meisterwerke sind. p. e.
CT. PETERSBURG. Von den diesjährigen Kunst-
^ ausstellungen wurde als erste die Konkurrenzausstellung
in der Akademie der Künste eröffnet.
Von den vielen jungen Künstlern verdient das meiste
Lob J. Brodski, ein talentvoller, ernst arbeitender
Maler, von dessen Werken das Bildnis seiner Gattin
das beste Bild der Ausstellung ist. Nach Brodski
müssen A. Sawinow (»Das Bad«) und E. Lissner,
dessen »Grüß euch, Recken der Arbeit!« ein kraftvolles
, markiges Stück Natur ist, genannt werden,
sonst ist nichts von Bedeutung ausgestellt.
Die unter dem Namen »München« eröffnete Ausstellung
Münchener Künstler trägt den Stempel des
Zufälligen und Improvisierten und umfaßt 163 Nummern
. Besonders gut vertreten sind die nachfolgenden
Künstler: Alfred Bachmann, Hans v. Bartels,
Otto Sinding, Karl Becker, H. v. Zügel, Franz v. Stuck,
Gabriel v. Max, Georg Papperitz, Charles Palmie,
Reznicek, Thöny und Rene Reinicke.
Die dritte von R. Auer veranstaltete Ausstellung
verband wie früher Künstler der verschiedensten
Richtungen und umfaßte über 500 Nummern, und
doch sind es nur wenige, die ein lobendes Wort
verdienen wie J. Pochitonow, dessen eminentes
Talent in zwei Bildchen voll zur Geltung kommt.
W. Kleigels brilliert als Landschafter mit Felsenbildern
Norwegens und Schweizerskizzen. H.
Backmansson stellt meisterhafte Typen aus Nordafrika
aus. a. b.
NEUE KUNSTLITERATUR
Rudolf Wilke, Skizzen. M. 27.—, Luxusausgabe
M. 52.— . München, Hyperion-Verlag (Hans
von Weber) 1909.
Max Liebermann hat einmal geschrieben: »Ein
Kunstwerk ist vollendet, wenn der Maler das, was
er hat ausdrücken wollen, ausgedrückt hat. Eine
Zeichnung in wenigen Strichen und in wenigen
Minuten hingeworfen, kann in sich ebenso vollendet
sein als ein Bild, woran der Maler jahrelang ge-
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