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VON AUSSTELLUNGEN
mehr an diese Versuche an, als an die Vorbilder der
Akademie. Ganz er selbst ist Thoma in dem Porträt
Steinhausens aus dem Jahre nach der Pariser Reise
(1869), das hier, soviel ich weiß, gleichfalls zum ersten
Male der Oeffentlichkeit zugänglich gemacht wurde
und das in der malerischen Delikatesse des Tones, der
feinabgewogenen Raumökonomie und der seelischen
Vertiefung — ohne Einschränkung sei es gesagt —
zu den schönsten Werken der deutschen Malerei
gehört. — Die erste Kollektion des Kunstsalons
Schneider, der nach einiger Pause wieder eröffnet
wurde, brachte eine Anzahl Werke von A. Levier
(Paris), die zeigen, daß der Künstler nun ganz von
der etwas oberflächlich glatten Manier seiner ersten
Zeit losgekommen ist und sich eine Farbensprache
zu erwerben im Begriffe steht, bei der heute zwar
noch manches gewagt erscheinen kann, die aber,
gemäßigt und verfeinert, große Wirkungen für die
Zukunft verspricht. Diezweite Ausstellung bei Schneider
brachte eine schöne Kollektion von Johannes
Lippmann (Lichtenbergi. O.) Leiderwaren die Werke,
in denen die Eigenart dieses feinsinnigen Künstlers
am reinsten zur Geltung kommt, seine Landschaftsund
Waldesschilderungen, fast gar nicht vertreten.
Seine Figurenbilder, die den Hauptbestand der Ausstellung
bildeten, können zuweilen (sie sind nicht
durchweg gleichwertig) an Tiefe der Empfindung und
Stärke des Stimmungsgehaltes an Millet
gemahnen. — Der neue Kunstsalon
Knoeckel, der erst in diesem Sommer
aus einer Kunsthandlung entstanden ist,
hat in seiner September-Ausstellung
eine Art Programm gegeben: er möchte
vorzugsweise dem Schaffen der Frankfurter
Künstler eine Stätte bereiten.
Ob dabei auch die Kunst auf ihre Rechnung
kommt, wird man abwarten müssen
. Unter den ausgestellten Werken
konnte ich diesmal nur von den
formsichern, ausdrucksvollen Bronzen
E. Rettenmeyers (Frankfurt) einen
stärkeren Eindruck erhalten. c. g.
INNSBRUCK. Schretter-Gedächtnis-
*■ Ausstellung. Im Thum- und Taxis-
schen Palais wurde eine drei Säle umfassende
Ausstellung aus dem künstlerischen
Nachlaß des in diesem Jahre
verstorbenen Malers Professor Josef
Schretter eröffnet. Wenn die Ausstellung
auch keineswegs vollständig
genannt werden kann, weil sich viele
seiner Gemälde im Privatbesitz in
Deutschland befinden, so ist sie doch
so reichhaltig, daß sie ein übersichtliches
Abbild von des Malers ganzer
künstlerischer Entwicklung zu geben
vermag. Wir finden hier viele seiner
charakteristischen Porträtstudien in
Pastell, wie er sie in den letzten Jahren
seines Lebens rasch nach dem Original
hinwarf, der Kopf in allen Teilen auf
das sorgfältigste ausgearbeitet, der Ausdruck
des gemalten Charakters bis ins
Detail festgehalten, während alles andere
in flüchtigen Umrissen gekennzeichnet
ist, neben ausgeführten, ungeheuer lebendigen
Porträts, die so ganz die dar-
gestelltenMenschen wiedergeben, neben
kleineren und größeren Landschaftsstudien
aus älterer Zeit und reizenden Genrebildchen
, von denen die orientalischen wohl die
meiste Beachtung verdienen. Eines der interessantesten
Gemälde dürfte wohl dasjenige des Tiroler
Dichters und Forschers Adolf Pichler sein, das
Schretter in der Studie zwei Tage vor des Dichters
Tode an seinem Krankenbette malte. Wie er da den
Ausdruck des schon fast nicht mehr in dieser Welt
weilenden Greises festhielt, ist geradezu überwältigend
. Schretter, der im Leben so ungemein Bescheidene
, in der Kunstwelt auch außerhalb seiner
tirolischen Heimat sehr geschätzte Maler, kann wohl
mit vollem Recht unter die ersten unserer Künstler
gezählt werden. Es ist nur erfreulich, daß die von
des Künstlers Freunde, dem österreichischen Reichsratsabgeordneten
Malik, angeregte Gedächtnisausstellung
in Innsbruck vonseiten der berufenen Kreise
so nachhaltige Unterstützung und Förderung fand;
die tirolische Landschaft stellte den historischen
Kongreß-Saal im alten Thum- und Taxisschen Palais
mit seinen zwei Nebenräumen bereitwilligst zur Verfügung
, der Staat subventionierte nicht nur dieses
Unternehmen, sondern hat bereits einen Vertreter,
den neuernannten Direktor der modernen Galerie
in Wien, Dr. Dörnhöffer, entsendet, der schon mehrere
Gemälde für den eventuellen Ankauf durch den Staat
ausgewählt hat und reservieren ließ.
!
r. vonnoh
JUte
die bildhauerin bessie potter-vonnoh
Glaspalast München 1909
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