Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 21. Band.1909
Seite: 137
(PDF, 181 MB)
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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_21_1909/0174
LEON DABO

Die schönsten Seebilder, die Dabo gemalt,
sind auf Staten Island entstanden, der großen
flachen Insel, die sich dem Hafen von Newyork
vorlagert. Das Meer ist hier noch ganz ruhig—-
und die in der Bucht aufgehaltenen Wellen
kommen ganz langsam, zögernd, in sicheren
Abständen an das Ufer gerollt. Seestücke von
einer starken Leuchtkraft gibt es in der Reihe
dieser Bilder, mit einem seltsam grünlichen
Schimmer, der über das Wasser gleitet und
eines mit ganz dunklem fast indigofarbenem
Meer, vorn das Ufer mit den Bäumen hell
beleuchtet. Ein Nachtstück mit fast schwarzem
Meer, gegen das sich seltsame große Bäume
mit wolkigen Umrissen abheben. Eine Morgenlandschaft
mit fast unendlichem Horizont, an
einem frühlingshellen Ufer ein seliges versonnenes
Paar — Pelleas und Melisande hat
der Künstler es genannt — und ein Bild,
das hellbeleuchtete in sommerliche Gewänder
gehüllte mondäne Erscheinungen an einem
dämmerigen hellen Strande zeigt, mit einem
gedämpften Licht, das über den ganzen breiten
Wasserspiegel hinwegzittert. Und ein wundervolles
Bild — die Woge — von Rockawey-
beach (das schönste Exemplar im Museum
zu Detroit), das nur eine einzige mächtige gelbliche
Woge zeigt in dem Augenblick, wo sie
auf den Strand rollend sich überschlägt — und
auf dem glitschernden überspülten Strand
Badende, Frauen und Kinder — als einziger
Fleck von Lokalfarbe die vorderste Badende,
die Arme hocherhoben in blaß weinrotem
Kostüm.

A poet in color — so hat Bliss Carman den
Künstler genannt und John Spargo hat ihn
als einen „Spiritual impressionist" definiert.
Es sind die Visionen eines Poeten von verborgenen
Dingen, die Dabo malt — in innerem
Schauen erzeugt er die Natureindrücke aufs
neue, vereinfacht, verstärkt. Sie wirken wie
Transfigurationen. Das Elementare der großen
einfachen Natur in ihrer Unendlichkeit bleibt
als letzter Eindruck. Eine träumerische weihevolle
Schönheit lebt in diesen Bildern und
ein Geist von Freiheit und herber Frische,
und man begreift es, daß Amelia von Ende
am Schluß eines Artikels über Leon Dabos
Werk im Sketch-book von dem ethischen Wert
seiner Kunst reden kann, von dem Befreienden
dieser endlosen Horizonte. Dies Aufgehen
, diese Gesundung in der endlosen
Natur hat unter allen amerikanischen Dichtern
niemand in Worten gemalt, die tiefer empfunden
, in Farben, die künstlerischer gesehen
sind, als der greise Walt Whitman,

dessen Fühlen Dabo vor allem innerlich verwandt
ist. Man möchte aus seinen Tagebuchaufzeichnungen
in Prosa, die er vor demselben
Hudson hier niedergeschrieben, hier einige
Zeilen hinsetzen:

„Wieder fängt eine von jenen seltsamen,
durchsichtigen, sterngehäuften, blauschwarzen
Nächten an, wie um zu zeigen, daß, so süß
und prächtig der Tag auch gewesen sein mag,
noch etwas geblieben ist für den Nichtmehrtag
, das ihn doch noch übertreffen kann. Es
ist das seltenste und delikateste Beispiel einer
langhingezogenen Halbdämmerung von Sonnenuntergang
bis neun Uhr. Ich ging zum Strom
hinunter und kreuzte auf ihm hin und her.
Venus hing wie schimmerndes Silber gerade
imWesten. Dielanggezogene blasse dünneSichel
des neuen Mondes stand eine halbe Stunde
hoch und versank müde hinter einer starren
Wolkenwand, um dann wieder aus ihr aufzutauchen
. Ein schwacher köstlicher Seegeruch
schwebte von Süden herüber. Die
weiche, wohltuende Kühle, unbeschreiblich
beruhigend und stärkend, eine von jenen
Stunden, die der Seele ihre geheimnisvollen
Weisungen geben, zu heilig, um sie in Worte
zu fassen. Der endlos durchsichtige Raum
der Luft und das verschleierte Blau des
Himmels scheinen Wunder über Wunder zu
sein. — —

Dies ist die Stunde für so wunderbare Gebilde
im Kampf zwischen Licht und Schatten
— genug, um einen Maler trunken und toll
zu machen — lange Speichen von geschmolzenem
Silber fallen horizontal durch die in
ihrem frischesten zärtlichsten Grün stehenden
Bäume, jedes Blatt und jeder Zweig in diesem
unendlichen Blättergewirre ist ein hellaufleuchtendes
Wunder .... Ein breiter Lichtspritzer
liegt über dem Wasser, mit manchen
zitternden feinen Wellen, unterbrochen durch
die schnell tiefer werdenden, trüb durchsichtigen
Schatten dahinter, die in Absätzen das
ganze Ufer entlang laufen. Und diese Schatten,
zusammen mit den grünlichen Pfeilen, die
horizontal jetzt das Feuer der sinkenden Sonne
durch die Bäume über den Rasen sendet,
bringen immer eigenartigere Stimmungen hervor
, Wunder über Wunder, überirdisch weich
und blendend.

Die See ist eine einzige helle, weit gedehnte
Fläche, durch kein Kräuseln belebt — ein
ungeheurer Claude Lorrain-Spiegel, in dem
ich den Himmel beobachte, das Licht, die
blätterlosen Bäume und eine einsame Krähe,
die mit klatschenden Flügeln, langsam über

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