http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_21_1909/0177
LEON DABO
O
märchenhaften Titanenstadt heraufbeschwört
— und dazu im Vordergrund die aus dem Flußnebel
auftauchenden ungeschlachten Rümpfe
der hochbordigen Dampffährboote und die
schwarzen, unten feurigrot gesäumten Rauchsäulen
, die von ihnen qualmig aufsteigen. Und
endlich hat ein Aufenthalt in Südengland im
vorigen Jahr Bilder gezeitigt von wundervollen
Abendfestlichkeiten auf den vornehmen Landsitzen
des englischen Adels — aus dem Dunkel
der Parks leuchten Lampions auf, zwischen
schweigenden alten dichtbelaubten Bäumen
schimmern weiße Gartenpavillons mit schlanken
Säulen, am Wiesenrande Gruppen von
Gästen, helle flatternde Gewänder zwischen
dunklen Silhouetten — man denkt an Whistlers
Cremorne Gardens, von denen die eine
Version in diesem Sommer wieder in Berlin
zu sehen war — und doch ist es etwas ganz
anderes, Lebensvolleres und Satteres, Weicheres
in den Tönen.
Die Gefahren, die in Dabos Kunst liegen,
sind offensichtlich genug. Es ist vor allem
die Gefahr, eintönig zu werden, sich selbst
zu wiederholen, abzuschreiben. Und das
Streben nach gebrochenen, delikaten, weichen
Tönen kann leicht zu etwas Schwächlichem
führen. Der dekorativen Auffassung der
Landschaft, wie sie heute in Deutschland
immer mehr um sich greift, steht seine Kunst
diametral gegenüber. Zuweilen sehnt man
sich fast nach einem kräftigen, lauten und
etwas derben Ton. Vor zwei Jahren brachte
eine Ausstellung im National Art-Club zu
Newyork sechs Bilder von Dabo und einen
Whistlerschen Frauenkopf in der Mitte
die sechs Bilder ganz in Nebel und Dampf
eingehüllt; aber die Gesamtstimmung war
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LEON DABO
DER HUDSON
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