http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_21_1909/0197
ÜBER IMPRESSIONISMUS
erstaunlicheres Ereignis als die Bekanntschaft
mit Greco. Mich fesselten die Bilder so, daß
ich während sechs Monaten von Stadt zu Stadt
fuhr, nicht um Spanien, sondern um diesen
Menschen zu sehen. Was mich am meisten
ergriff, war nicht die seltene Farbenpracht
dieses reichsten Abkömmlings Venedigs, nicht
die mystische Gewalt seiner Heiligen, son-
verblüffend an Manet erinnern. Und auf seinem
schönsten Werke in Toledo findet sich, gewirkt
in den Stoff eines prunkenden Priestergewandes
, eine Märtyrerszene, ein verkleinerter Ce-
zanne. Einer meiner Reisekameraden war Maler.
Und vor manchem Bilde Grecos entfuhr ihm
derselbe Ausruf: Der reine Impressionismus !
Dieser Greco war der intellektuelle Meister
EDGAR DEGAS
BILDNIS LEOPOLD LEVERT
dem ein aktuelles Moment. Im Escurial, dem
düsteren Mönchspalaste Philipps IL, hängt ein
strahlendes Freilichtgemälde. Auf diesem ist
eine Landschaft zu sehen, die von Renoir
gemalt sein könnte. Dieselbe Farbe, derselbe
lose Strich, dasselbe unmittelbare Uebertragen
der Naturempfindung auf die tastende Hand.
Auf anderen Bildern gibt es Details, ein Schwert,
ein Gesicht, ganze Körper von Menschen, die
des Velasquez. Velasquez hat ihn in vielen
Bildern unmittelbar nachgeahmt, und vieles,
was uns charakteristisch für seine Art erscheint
, seine Harmonie in Grau und Rosa
und zumal der Versuch, einen Menschen ohne
Umrisse zu malen, um ihn mit Atmosphäre
zu umgeben, das Resultat einer Anschauung,
die für die Impressionisten vorbildlich geworden
ist, geht auf den großen Vorgänger zurück.
158
«
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_21_1909/0197