Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 21. Band.1909
Seite: 162
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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_21_1909/0201
ÜBER IMPRESSIONISMUS

Aber mein Betrachter ist hartnäckig. „Warum
bedarf ich denn zur Schätzung der alten
Meister keiner Hinweise auf andere. Warum
verstehe ich sie ohne weiteres?"

Aber — da es sich um einen imaginären
Betrachter handelt, kann man ja von der Leber
wegsprechen: wie, wenn dieses Verständnis
„ohne weiteres" ebenso imaginär wäre wie Sie
selbst? Weil Sie wissen, was der verlorene
Sohn, der barmherzige Samariter, das Opfer
Manoahs oder ein Helm auf einem Kopf bedeuten
, glauben Sie, Rembrandt zu besitzen.
Was Sie in Wirklichkeit besitzen, ist das
Etikett unter seinen Bildern und das Bewußtsein
, daß es damit seine Richtigkeit hat. Wie
wäre es, wenn Sie plötzlich vor einem Unbekannten
ständen, z. B. vor Greco, der zwei
Generationen vor Rembrandt auch solche Motive
gemalt hat? Es sind sehr viele gelehrte
Leute, die sich noch viel mehr als Sie einbilden
, Rembrandt, Rubens, die Venetianer
und wer weiß, was sonst noch, am Schnürchen
zu haben, an den Grecos in Spanien
vorübergegangen. Hätten sie die anderen Meister
wirklich gekannt, so hätten viele Sehnsüchtige
, die nach neuen Schönheitsquellen
dürsten, längst einen unschätzbaren Meister
mehr, der gegenwärtig noch von den Leuchten
der Zunft für verrückt erklärt wird.

Die Einsicht, die den Impressionisten geworden
ist, daß kein Ding in der Natur, das
bedeutungsvollste wie das geringste, für sich
bestehe, umschließt auch alles Werden im
Reiche des Schönen. So umfaßt der Genuß
an Rubens nicht nur das von Rubens Geschaffene
, sondern alles, was ihn zu der Schöpfung
trieb; das, was von den Venetianern in
ihm steckt, die ihn auf die Zerlegung der
Farbe wiesen, das, was ihm Michelangelo gab,
dessen Plastik er im Malerischen löste. So
empfangen wir in Michelangelo außer der Wucht
seiner gigantischen Geste die stille Schönheit
der Antike; und zwar nicht nur das, was er
überlieferte, an sich, sondern den fruchtbaren
Unterschied zwischen Altertum und Renaissance
; Michelangelos Fähigkeit, das Entnommene
umzubilden, der Antike Fähigkeit, sich
umbilden zu lassen. Dieselbe Tat macht die
Größe Michelangelos und erweist die Unsterblichkeit
der Antike.

Die Kunst ist eine Sprache, die man lernen
muß wie jede andere. Die Werke sind die
Worte. Wie könnten wir Musik verstehen,
wenn uns nicht Bach, Mozart, Beethoven das
abstrakte Gebiet der Töne mit flammenden
Fackeln erhellt hätten.

Die Sprache moderner Kunst ist in Deutschland
nicht leicht zu fassen, weil die lebendigen
Lehrmittel in unseren sonst ganz prächtigen
Museen für moderne Kunst nicht zu
finden sind. Tschudi kam auf die Idee, die Nationalgalerie
diesem nützlichen Zweck dienstbar
zu machen und erreichte damit einen
längeren Urlaub, der in München endete.

Die Mühe, die Ausdrucksformen der Impressionisten
an den mehr oder weniger zufällig
nach Deutschland gelangenden Ausstellungsbildern
kennen zu lernen, ist nicht gering
, und selbst für den, der ohne gute Führung
nach Paris geht, bleibt sie beträchtlich.
Aber sie lohnt sich. Nicht weil die Farben
der Impressionisten so schön sind. Auch
nicht, weil die Bilder die Augen für neue
Reize öffnen. Sondern weil sich in diesen,
wie in allen großen Künstlern, das Wunder
menschlicher Entwicklung offenbart. Weil sich
Sinnen und Sehnen der Zeit in ihnen zeigt,
der Pulsschlag unserer trotz aller Hast und
Last des Lebens werten Epoche.*)

VON AUSSTELLUNGEN

DERLIN. Gleichzeitig mit der Gebhardt-Ausstel-
lung in Schuttes Kunstsalon war bei Frl. Mathilde
Rabl eine famose Kollektion von Guaschen,
Zeichnungen und graphischen Arbeiten Menzel's.
Es ist erstaunlich, wieviel da immer noch aus versteckten
Privatsammlungen ans Tageslicht kommt.
Nicht alle ausgestellten Werke waren freilich unbekannt
; so ist z. B. das Kircheninterieur mit den
leuchtenden Glasmalereien schon im Bruckmann-
schen Menzel-Werk abgebildet. Ungefähr aus derselben
Zeit (um 1850) mag die unvollendete Guaschenmalerei
eines Stettiner Brunnens mit einemNeubau dahinter
stammen, dessen kribbelndes Leben mit wenigen
Farbentupfen köstlich angedeutet ist. Außerdem
finden wir unter anderem ein Rokokodämchen,
einen der von Menzel so gern gemaltenBarockaltäre,
ein >Paralipomenon« zum Kinderalbum und ein Begräbnis
, bei dem die hinter dem Sarge gehenden
Leidtragenden an der Haltung des Körpers, am
Tragen der Regenschirme, am Gang usw. famos
charakterisiert sind. Unter den graphischen Arbeiten
befinden sich einige der allergrößten Seltenheiten,
darunter die beiden im > Kunstmarkt« kürzlich veröffentlichten
Titelblätter zum »Ahnenkreuz« und zur
>Pfarre von Buchensee«, bei denen man nicht weiß,
was man mehr bewundern soll, den Humor, der sie
erfand, oder die Künstlerhand, die sie zu so reizvollen
Arabesken gestaltete, und außerdem einen
Neujahrswunsch auf einem kleinen rosa Spitzenkärt-
chen, von dem überhaupt noch kein weiteres Exemplar
bekannt geworden ist. — Im Künstlerhaus ist der

*) Wir verweisen auf das im Verlag von F. Bruckmann A.-G.
in München erschienene Tafelwerk „Impressionisten", herausgegeben
von Harry Graf Kessler, das in 60 wundervoll ausgeführten
Matttonbildern großen Formats die Hauptwerke dieser Richtung
vereinigt. Preis M. 360.—. Die Kedaktion

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