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DIE INTERNATIONALE KUNSTAUSSTELLUNG IN BREMEN
auf dem Stuhle vor der Staffelei sitzend (Abb.
geg.S.301), und auch diegroßenRepräsentations-
porträts der Zeit wie das des Rittmeisters von
Carlowitz, des Fürsten Heinrich XIII. von
Reuß, die 1805 gemalt sind, zeigen die einfache
, aber individuelle Pose der neuen Zeit.
Als Künstler bleibt Graff in allen diesen
Aenderungen des äußeren Gewandes, die nicht
eigentlich eine Entwicklung bedeuten, stets
der gleiche. Er war keiner von den Großen,
nicht mehr als ein tüchtiges Talent. Schon
die unbedingte Beschränkung auf das Porträt
weist darauf hin. Aber mit seinem soliden
Können stellt er doch ein gewisses Niveau
dar, einen Qualitätsbegriff, der von der deutschen
Malkunst des 18. Jahrhunderts nicht
allzu schlecht denken läßt. Gewiß kann sie
sich nicht mitderreichen, vielgestaltigen Kunst
des französischen Rokoko vergleichen, auch
nicht mit der vornehmen, wenn auch niemals
im letzten Grund reinen und selbständigen
Kunst der englischen Porträtisten des 18. Jahrhunderts
, aber in seinem umgrenzten Gebiet
hat Graff als Künstler seine hohe Bedeutung,
steht er als tüchtiger Könner am Eingang
einerneuen Zeit, einer neuen Blüte deutscher
Kunst.
anton graff
bildnis der herzogin von york
DIE INTERNATIONALE KUNSTAUSSTELLUNG
IN BREMEN
Am 1. Februar wurde in der Bremer Kunsthalle
für zwei Monate eine große Internationale Ausstellung
eröffnet, in Verbindung mit einer Ausstellung
der Vereinigung nordwestdeutscher Künstler. Sie
umfaßt etwa 350 Gemälde, annähernd ebensoviele
graphische Blätter und zirka 750 Bildhauerwerke.
Es handelt sich nicht um eine Vorführung der
gesamten zeitgenössischen Produktion, sondern um
eine sorgsam gewählte Schau von Dingen, die zum
Teil bis in die Mitte des vorigen Jahrhunderts zurückreichen
und wenig bekannt sind. Zu diesem
Zwecke mußte auch der Privatbesitz verschiedener
Städte herangezogen werden.
Ein Hauptakzent der deutschen Malerei ist diesmal
auf München gelegt, und zwar auf das München der
siebziger Jahre. Die erste Generation ist durch Diez
repräsentiert, dessen Bildnis des Malers Reinherz
vorzüglich wirkt. Von Zimmermann sehen wir ein
gutes Fischstilleben und von Lenbach außer sehr
guten frühen Bildnissen eine Reihe von Landschaften
aus dem Besitz des Grafen Kalckreuth, einige im
Stil des Hirtenjungen bei Schack, andere von einer
gewissen Verwandtschaft mit Corot. Die großen
Meister des 7. Jahrzehnts sind Leibi und Trübner.
Leibl ist mit einem »Oberbayerischen Bauernjungen«
von 1888 gut vertreten, Trübner hat eine Anzahl
seiner schönsten alten Bilder geschickt, >Das Liebespaar
mit Hund«, den jungen Mann mit der Papierrolle
, den >Wächter< und die »Frau im Lehnsessel«.
Von Landschaften eine sehr feine Ansicht von Schloß
Frauenchiemsee, sowie ein kräftiges, neues
Parkbild. Schuch tritt als interessanter Landschafter
auf, Theodor Alt lernt man mit
einem sehr gut gemalten schlafenden Kinde
(1871) kennen. Eine Sonderstellung nimmt
hier A. von Keller ein — von ihm sieht
man eine Kollektion von zirka 35 Werken, in
einem Oberlichtsaal sehr schön zusammengehängt
mit Trübner und Leibi — eine Auswahl
von Bildern vom Jahre 1868 bis 1908. Durch
Habermanns Selbstbildnis von 1892 ist dann
der Zusammenhang mit der neueren Münchner
Malerei hergestellt. — Düsseldorf ist in
geringer Quantität, aber gut vertreten: Aus
älterer Zeit durch einige Porträte Leutzes,
aus jüngster durch einen »Verlorenen Sohn<
von 1908 von E. v. Gebhardt. Unter den
Frankfurtern ragt eine Landschaft von Peter
Burnitz hervor, dann natürlich Boehle;
während sich der alte Anton Burger doch
als ziemlich schwach erweist. — Aus Weimar
hat Ludwig von Hofmann einige neuere dekorative
Kompositionen geschickt, die dunkler
im Ton sind als seine früheren Bilder der Art.
Von Max Liebermann ist eine Anzahl
von Arbeiten vorwiegend aus älterer Zeit da,
kleine Landschaften aus der Mitte der siebziger
Jahre, die Mutter mitdem Kinde von 1878,
eine Schafherde aus den achtziger Jahren und
den merkwürdigen und sehr kühnen Schlächterladen
von 1879, der sich in der Koloristik
mit neueren Werken berührt, z. B. mit den
Studien zur Judengasse. Aus der gegenwärtigen
Periode des Künstlers sehen wir dann einige
der schönen Strandbilder von Nordwyk. Sehr
interessant ist Liebermanns eine Porträtarbeit,
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