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VON AUSSTELLUNGEN UND SAMMLUNGEN
lungsräume im Erdgeschoß der alten
Villa gegenüber der Eichhornstraße, die
mitten unter den großen Bauten der belebten
Geschäftsstraße wie eine Erinnerung
an frühere Zeiten, an die Zeiten,
von denen Rahel Varnhagen erzählt, da
man noch vor das Potsdamer Tor ging,
um Blumen zu pflücken, stehen geblieben
ist. Die Eröffnungsausstellung mit
den Belgiern Armand Apol und Victor
Gilsoul und dem >Neo quattro-
centisten< Friedrich Stahl weicht
nicht von der gewohnten Art des alten
Casperschen Salons ab.
Auch Keller&Reinerhat\n sein neues
Heim manches mit herübergenommen,
was den Umzug nicht hätte mitmachen
dürfen, wenn in dem neuen Hause auch
ein neuer Geist sich zeigen sollte. Denn
in der Kunst Carl Max Rebels sucht
man vergeblich nach den besonderen
Qualitäten, die die nun in jedem Jahre
wieder erscheinenden Kollektivausstellungen
rechtfertigen könnten. Auch
Stefan Sinding ist wohl stark überschätzt
worden. Jedenfalls ist seine
bronzene Walküre eine bedenkliche Entgleisung
. Es ist schon ein harter Vorwurf
, daß diese Rundplastik, die doch
nicht anders als im Freien und womöglich
auf einer Anhöhe aufgestellt zu denken ist, nur
eine einzige mögliche Ansicht besitzt, während alle
anderen Seiten die häßlichsten Zufallsbilder geben.
Aber auch von dem Sturmwind, der diese kriegerische
Jungfrau auf ihrem Schlachtroß dahintragen
soll, ist in der Gruppe in Wahrheit nichts zu spüren.
paul roloff bücherwürmch
Frühjahrausstellung der Münchner Secession
rudolf nissl bildnis von professor sch,
Frühjahrausstellung der Münchner Secession
Es ist ein Wind von außen, der Haare und Mantel
vor sich hintreibt, aber man glaubt ihn nicht, denn
die Komposition selbst muß jenen Bewegungsimpuls
tragen, aus der die Darstellung ihr Leben zieht.
Eine große Ueberraschung bringt die Ausstellung
bei Gurlitt in den Zeichnungen von Max Mayrs-
hofer, die zum ersten Male hier gezeigt werden
. Diese Zeichnungen dürfen nur mit dem
besten verglichen werden, was die moderne
Kunst aufzuweisen hat. Die wundervollen Kompositionen
nackter Frauengestalten übertreffen
Bonnard, die phantastischen Karikaturen können
nur an Rudolf Wilke gemessen werden,
und die ungeheuer suggestiven Darstellungen
von Volksmassen sind ganz ohne Vorgang.
Nur in der Landschaft wird man Liebermann
unbedingt den Vorrang zugestehen. Was aber
so sehr überrascht, ist die außerordentliche
Vielseitigkeit und die Abgeschlossenheit, mit
der da ein Künstler, von dem man bisher kaum
noch den Namen kannte, vor uns hintritt. Es
ist eine Sicherheit der Formbeherrschung in
diesen Zeichnungen, die eine wahrhaft eiserne
Hand voraussetzt. Ein unermüdliches Studium
ist überall als die feste Grundlage zu spüren.
Aber diese Zeichnungen selbst sind nicht mehr
Studien, sie sind fertige Resultate, Kompositionen
, die einer Phantasie, einem Bilder sehenden
Gehirn entsprossen sind. Und doch können
diese Zeichnungen nicht das letzte sein, was der
Künstler uns zu geben hat. Blätter wie die bekleideten
und unbekleideten Frauen unter sonnendurchleuchteten
Bäumen sind so ganz auf
farbigen Tonreichtum gestellt, daß sie nach Umsetzung
ins materiell Farbige geradezu zu verlangen
scheinen. Ein Mann, der es so ernst
mit seiner Kunst nimmt, wie Mayrshofer es
tut, wird sich nicht leicht zu diesem Schritt
entschließen und wird gewiß Bilder erst zeigen,
wenn er ebenso reife und fertige Leistungen
!
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