http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_21_1909/0621
f \
DIE MÜNCHNER JAHRESAUSSTELLUNG 1910 IM KGL. GLASPALAST
die wir als die „guten
alten Münchner Landschafter
" bezeichnen,
die Wengler, Wopfner,
Schleich, Willroider,
Fink und Gietl. Aber
warum soll man sich
an Roths unaufdringlicher
, in Motiven und
Technik sympathischer
Landschaftskunst
nicht erfreuen
können ? Ich ließ mir
von seinen Bildern
und Zeichnungen gern
wieder einmal die
Landschaft um München
, namentlich die
Nymphenburger und
Moosacher Gegend
mit ihren schlichten,
Reizen zeigen (Abb.
S. 545). Und ich glaube
, der Gang mit Roth
war nicht verloren —
so wie ich aber denken
wohl noch viele und
sie fordern Respekt
für diesen Künstler.
Ein Plastiker ist der
letzte derer, die mit
einer Kollektivausstellung
ausgezeichnet
wurden: Anton Hess
ist am 11. April 1909
gestorben und, war
man sich auch dessen
bewußt, daß mit diesem
Künstler eine für
ihre Blütezeit bedeutungsvolle
Kraft und
ein tüchtiger Techniker
ins Grab gestiegen
—■ in der zeitgenössischen Produktion
hat sein Tod keine Lücke hinterlassen.
Der neugotische Geist der Ludwig I.-Periode,
der allenthalben in Anton Hessens Werk
spukt, ist heute nicht mehr lebensfähig. Wir
wollen Wahrheit, keine Allegorien, wir wollen
Leben, keine Attrappen des Lebens .. . Daher
ist diese Ausstellung verfehlt im Rahmen
einer Veranstaltung, die sich sonst auf neuzeitliche
Kunst oder was das zeitgenössische
Interesse anreizt, beschränkt.
Ich habe mich des längeren mit den Kollektionen
beschäftigt, weil ich mich mit den unzäh-
eduard beyrer
Münchner G
ligen Sälen, in denen
die 2000 Kunstwerke
dermodernen Produktion
hängen, kurz fassen
zu können glaube.
Und das deshalb, weil
mir so herzlich wenig
neue Künstler von Bedeutung
begegneten,
und weil von den
Alten kaum einer eine
neue Nuance zeigt. Da
und dort allerdings
konstatiert man erfreut
gesunde Weiterentwicklung
. So bei
Brüne, der bei der
Luitpoldgruppe ausstellt
: das ist einer,
der unbeirrt von Moden
und internationalen
Einflüssen seines
Wegs geht, eigen-
wüchsig, herb, aber
dabei so selbstverständlich
, so überzeugend
, daß man
sich seine Gedanken
macht: So ähnlichmuß
der junge Leibi sich
vor seinen Zeitgenossen
entwickelt haben.
Ein Aktmitüberschla-
genen Beinen (Abb.
S. 535) ist ganz süperb
gemalt: keine üppig
realistische Fleischmalerei
, wie sie mit
Bravour Leo Putz vor
uns herunterstreicht,
aber auch keine blutleere
, gobelinartige
Dekoration, wie sie
bei der Aktmalerei in unseren Zeiten so oft
beliebt wird. Nicht minder faszinieren einige
Bildnisse Brünes, dessen Arbeiten ich überhaupt
zu den erfreulichsten des ganzen Glas-
palasts zähle. Auch Harry Schultz (Abb.
S. 531) sehe ich erfolgreich vorwärts kommen,
seine Bildnisstudie einer Dame, seine Marinen
mit den phantastischen alten Schiffen — das
ist vielversprechende und entwicklungsfähige
Kunst. Schade, daß Sieck stehen bleibt, als
wäre er schon ein Alter, schade, daß sich
Lietzmann immer mehr in künstliche Phan-
tastik und Eigenbrödelei einhüllt. Denn auch
büste rud
laspalast 1910
wilkes
1
536
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_21_1909/0621