Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 22. Band.1910
Seite: 25
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AUSSTELLUNG NEUER STICKEREIEN IN DEN VEREINIGTEN
DEUTSCHEN WERKSTÄTTEN, MÜNCHEN

ie Stickereien, die Frau von Brau-
chitsch zurzeit in den „Vereinigten
Werkstätten" ausstellt,
bilden ein Kapitelchen Kulturgeschichte
der Stickerei, zeigen,
wiedieserZweigdes Kunstgewerbes
sich von jedem früheren Stickerei-Ideal
emanzipiert hat. Da ist nichts mehr von der goldstrotzenden
Pracht, mit der die Urheimat der
Stickerei — der Orient — einst die abendländischen
Märkte verblüffte und entzückte, nichts
mehr von der blassen Schwermut, die wir an
alten Gobelins bewundern, nichts mehr von der
perlenbenähten Schrullenhaftigkeit und Enge
der Biedermeierzeit. Nichts ist geblieben von
den altertümelnden Imitationen, durch die wir
einst mittelalterliche Klosterverzückungen der
Nadel inunseralltäglichesLeben tragen wollten.
Auch nicht die kleinste Erinnerung spannt eine
Brücke zu ähnlichen Ausstellungen, die etwa
vor einem Jahrzehnt Aufsehen erregten ob
der Köstlichkeit ihres Materials und der scheinbaren
Leichtigkeit, mit der eine raffinierte
Technik Blütenbüschel, Fruchtdolden und
Rankgeschlinge so beiläufig auf Seide und Atlas
hinwarf, daß sie wie vom Winde hergeweht
dalagen. Frau von Brauchitsch arbeitet mit
ganz einfachen Mitteln: Material, Technik und
Motiv könnten kaum einfacher sein. Der Rohstoff
besteht fast ausschließlich aus bedrucktem
Cretonne oder derben Leinen in allen
Schattierungen, mit buntem Garn oder schwarzen
Kordeln werfen primitive Stiche oder die
Kurbelmaschine wirksame Muster hin, zumeist
Ornamente, denn jede Nachahmung der Natur
ist fast ängstlich vermieden. Mit dieser Scheu,
das Gebilde nachzubilden, mit diesem Hang
und Geschick, es zum Ornament umzudenken,
gemahnen diese Stickereien doch wieder an die
Kunst des Orients, der ein religiöser Kult jede
Nachbildung des Lebenden untersagte, und die
sich daher früh gewöhnt hatte, auch das Nichtlebende
zu stilisieren. Die Wirkungen, die Frau
von Brauchitsch mit dieser Einfachheit erzielt,
sind bemerkenswert, oft überraschend.

Da sieht man z. B. ein kleines Garteninterieur
: ein großer, grauer Leinenschirm spannt
sich über einen behaglich gedeckten Kaffeetisch
, auf dem eine Decke aus grobfädigem,
weißen Leinen liegt. „Naja", denkt man sich,
„ein Gartenschirm ist eben ein Gartenschirm,
ein nützliches Ungetüm, an dem alle Kunst

verloren ist. Auch wenn man ihn bestickt,
wird er nicht schöner, nur unpraktischer,
denn er soll ja aller Witterung stand halten,
ohne Schaden zu leiden. Außerdem wäre ein
reich geschmückter Gartenschirm doch nur
eine protzenhafte Stillosigkeit!" Sobald man
aber den Gartenschirm der Frau von Brauchitsch
näher betrachtet, merkt man, daß er
in seiner Stickerin die Ergänzung seines Wesens
, sozusagen seine bessere Hälfte gefunden
hat. Ganz primitiv, fast ein wenig pedantisch
laufen weiß-schwarze Soutachierungen an seinem
Rande hin, passen trefflich zu der derben,
wetterfesten Gestalt des grauen Gesellen.
Aber schau, in gemessenen Zwischenräumen
blinkt da und dort ein hellgrüner Fleck, wie
ein Kleeblatt, das eine lustige Sommerbrise
von der Wiese hergetragen, oder wie ein
kecker, junger Frosch, der sich die Welt nicht
immer nur aus der eigenen, sondern auch
einmal aus der Vogelperspektive ansehen
möchte. Und mit eins sieht der graue Gesell
ganz anders aus, gerade als ob das verwehte
Kleeblatt ihn hochzeitlich schmückte, oder als
ob er sich selber freute über des flotten,
jungen Frosches Wißbegier . . . Sommerheiterkeit
tanzt nun um das Leinendach her,
und schwere Sommerglut scheint von der
weißen Leinendecke auf dem Tisch aufzusteigen
. Sie trägt eine breite Kante, von
schwarzer Kordelnäherei. Samtig schimmernde
, tiefdunkle Dolden schlingen einen reichen
Kranz um sie her, gleichen ein wenig überlebensgroßen
Brombeeren, prächtigen Kirschen
oder köstlichen Trauben. Tief und
dunkel steigt die schwarze Stickerei von dem
weißen Grund des Leinens auf, wie das Geheimnis
einer flimmernden Sternennacht.

Große, weiße Leinenvorhänge zeigen ähnliche
Motive wie die Tischdecke, nur sind
hier die Füllungen aus grauem Garn, was
eine hübsche Kontrastwirkung wie Licht und
Schatten gibt. Auf andern wiederum sehen
wir schwere, goldgelbe Traubenbüschel, deren
Farbenwirkung durch eine kleine, braune Einfassung
noch gehoben wird. Diese immer
wiederkehrenden Einfassungen heller Füllungen
mit dunklen Konturen erinnern einen
wieder einmal an die Geschichte vom Ei
des Columbus, und man fragt sich, warum
dieser ebenso einfache wie wirksame Kniff
nicht von jeher öfters angewendet worden ist.

!

Dekorative Kunst. XIII. i. Oktober 1909.

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