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AUSSTELLUNG NEUER STICKEREIEN IN DEN „VEREINIGTEN WERKSTÄTTEN"
MARGARETE VON BRAUCHITSCH-MÜNCHEN □ KISSEN UND DECKE AUS BAUERNLEINEN MIT KURBELSTICKEREI
AUSFÜHRUNG; VEREINIGTE WERKSTÄTTEN FÜR KUNST IM HANDWERK A.-G., MÜNCHEN
Eine andere Art von Vorhängen sind solche
aus bedrucktem Leinen, das teilweise überstickt
und umkurbelt ist. Hans Christiansen
hat sie gezeichnet. Es ist eine Art Herzchen-
Muster, mattbunt von Farbe, in fortlaufende
Reihen gestellt. In geschickter Wahl sind
einzelne dieser Reihen in den Farben des
Stoffes gestickt oder dunkel umrandet, daß
sie wie Stoffe mit eingewirkten Reliefbordüren
wirken. Sie sind sehr reizend, diese Vorhänge,
sehr anmutig, wenngleich ihre Niedlichkeit,
ihre abgezirkelte Hübschheit nicht jedermanns
Sache sein mag. Viel eigenartiger sehen neben
ihnen Portieren aus dickem, grauem Leinen
aus, auf denen es hinläuft, wie orangefarbene
Feuersalamander, um die sich noch dunkles
Sumpfgespinst ranken will. Blickt man näher
hin, ist man erstaunt, mit welcher Taschenspieler
Geschicklichkeit hier versetzte rote
und schwarze Tupfen zu seltsamen Erschei-
nungs- und Farbeneffekten erhoben sind.
Ein kleiner Gobelin, der an der Wand hängt,
findet viel Beachtung. Hier sind offenbar
keinerlei romanische Einflüsse geltend gewesen
, sondern wohl eher japanische. Ueber
einem Feld stilisierter, violetter Krokusse
schwebenlangschnäbelige, absonderliche Vögel
in gespreizten Stellungen. Durch allerlei fein
ausgedachte Vermählungen, durch geistreiche
Zusammendrehungen verschiedener Fäden erzielt
Frau von Brauchitsch auf diesem Gobelin
, wie auch sonst neue, sehr natürlich
wirkende Abtönungen und Schatten. Aber
ich kann mir nicht helfen, für meinen persönlichen
Geschmack sieht der Gobelin doch
ein bißchen wie der groteske Angsttraum eines
Mikados aus.
In reicher Auswahl sind Kissen und Tischdecken
vorhanden. Sie sind fast ausnahmslos
aus Leinen hergestellt, aus Leinen in allen
möglichen Qualitäten, in allen möglichen
weißen, grauen, grünlichen, gelblichen Schattierungen
. Dunkle Kordeln oder Fäden zeichnen
mannigfaltige Muster, bald ein Spinnennetz
, bald einen Schleier, bald ein paar strenge
Quadrate, bald ein paar leichtfertige Ranken
oder etliche, tiefsinnige Schnörkel. Mono-
tonund allzu ernst vielleicht möchte die dunkle
Zeichnung auf dem hellen, farblosen Untergrund
wirken, wenn sie nicht überstreut wäre
von bunten Einfällen. Aus dem Spinnennetz
flimmert's plötzlich purpurn, als hätte Arachne
ein paar Rubinen in ihr Gewebe gefaßt, durch
den Schleier blitzt es tiefblau wie eine Gen-
ziane aus morgendlichem Bergnebel, die Quadrate
klammern einen leuchtenden Goldfleck
ein, die Ranken streben ein paar violetten Lichtern
zu, und aus dem tiefsinnigen Schnörkel
lächelt ein grünes Etwas, das eine erfreuliche
Verwandtschaft mit dem verwehten Kleeblatt
oder dem wißbegierigen Fröschlein aufweist.
Die Decken, die zum Teil rund gewebt sind,
übertreffen die Kissen noch an Farben- und
Stoffwirkungen. Man sollte es kaum für mög-
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