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NEUE EDELMETALLARBEITEN VON PAUL HAUSTEIN
[s hat zur schnellen Klärung der
kunstgewerblichen Bewegung,
die 1897 mit der Ausstellung
für Kunst im Handwerk im
Münchner Glaspalast einsetzte,
nicht wenig beigetragen, daß sie
nicht nur von „freien" Künstlern, Malern, Plastikern
, Kunsthandwerkern ausging, sondern
daß auch Architekten sich in ihren Dienst stellten
und verhüteten, daß der frische und kräftige
Strom sich in hundert Rinnsale verästelte.
Sie haben das freie kunstgewerbliche Schaffen
dem architektonischen Gedanken untergeordnet
, indem sie Häuser bauten, deren Außenform
und gesamte Einrichtung sich gemeinsam
dem einzigen Prinzip der Raumgestaltung
fügten.
Indes ist die einheitliche Gestaltung eines
Hauses und seiner gesamten Einrichtung durch
einen Künstler, trotz der schönen Beispiele
dafür, die wir aus den letzten Jahren besitzen,
ein Ideal, das nur verhältnismäßig selten verwirklicht
werden kann, nicht allein, weil es
an Aufträgen, sondern weil es in unserer unarchitektonischen
Zeit im letzten Grunde doch
noch an genügend zahlreichen Talenten fehlt,
die Raumgefühl genug besitzen
, um Raumkunst zu
schaffen. Dieses Wort wird
gegenwärtig leider so mißbraucht
, daß die wenigsten
seinen eigentlichen Sinn
kennen. Das Ausstatten
fertiger Räume mit Möbeln
hat an sich mit Raumkunst
noch nichts zu tun. Von
ihr kann erst dann die Rede
sein, wenn die einzelnen
Teile untereinander und
zum Ganzen bedachtsam in
Beziehung gesetzt werden.
Dies abergeht in der Regel
über die Befugnis des
Kunstgewerblers hinaus.
Er weiß, selbst wenn er auf
Bestellung arbeitet, meist
nicht, in welche Umgebung
seine Schöpfung kommen
wird. Er muß sie eben
„frei", ohne jede Rücksicht
gestalten. Die Folge hiervon
ist einerseits der vollständige
Verlust der Fähigkeit
, sich der Umgebung
anzupassen, auch wenn paul haustein am silberner becher
dies unbedingt geboten ist, z. B. bei der Ausstattung
architektonisch fertiggestellter Innenräume
, anderseits die um so individuellere,
reichere und phantasievollere Ausbildung der
einzelnen Form. Hier, in der selbständigen
Gestaltung möglichst selbständiger Bildungen
setzt die eigentliche Aufgabe des Kunstgewerblers
ein. Das Verhältnis ist also ganz einfach
: Je stärker die Bindung an die Umgebung
, desto notwendiger die Gestaltung durch
den Raumbildner. Je größer aber die Freiheit
und Unabhängigkeit des betreffenden Stückes,
desto eher gehört es in den Bereich des Kunstgewerbes
. Wand- und Deckenbehandlung der
Architekten ist jener der Kunstgewerbler meist
überlegen. Umgekehrt dürften Gefäße, Geschirr
, Schmucksachen der Kunstgewerbler
hinsichtlich der liebevollen Einzelbehandlung
jenen der Architekten vorzuziehen sein. Mehr
und mehr drängt die Entwicklung wieder zu
jener Arbeitsteilung, die in allen Epochen
künstlerischer Kultur üblich war.
Einer der wenigen Kunstgewerbler, die in
klarer Erkenntnis ihrer besonderen Fähigkeiten
von Anfang an ihren Weg unbeirrt gewandelt
sind, ist Paul Haustein. Zwar besitzt
er für Verhältniswirkung
ein feines Gefühl, aber es
ist in erster Linie auf das
Kleine, Intime, weniger auf
Raumprobleme gerichtet.
Die Beschränkung auf das
seinem Talent Entsprechende
hat ihn, wie wenige,
vor Mißgriffen bewahrt und
ihm zugleich eine um so
größere Vielseitigkeit auf
seinen Sondergebieten gestattet
.
Haustein ist 1880 in
Chemnitz geboren. 1897
kam er nach München, wo
er ein Jahr an der Kunstgewerbeschule
, ein weiteres
unter Johann Herte-
rich an der Akademie
studierte. Sehr bald stellte
er sich auf eigene Füße.
Seine ersten Erfolge hatte
er auf dem Gebiete des
Buchschmuckes in der „Jugend
". 1899 knüpfte er
Beziehungen mit den „Vereinigten
Werkstätten" an.
Hier bot sich ihm Gelegen-
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